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Gastbeitrag : Gesprächsabend: „Was sagt uns Breklehem?“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Uwe Pörksens Roman „Breklehem. Roman eines Dorfes“ war Diskussionsgrundlage beim jüngsten Elmshorner Gesprächsabend.

shz.de von
erstellt am 20.Feb.2017 | 15:00 Uhr

Elmshorn | Als Uwe Pörksen am 3. Februar 2015 auf einer Tagung in Breklum aus dem unfertigen Manuskript seines Romans vorlas, lautete dessen vorläufiger Titel noch „Mapeux’s Brüder“. Das Thema der Tagung lautete „Aufbruch und Neuorientierung in der ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holstein nach 1945“. Pörksens Roman ist ein „Ausguck auf die Zeitgeschichte, ihre Menschen und was sie uns sagte“, ein Ausguck auf die Zeit vor 1945, nach der ein Aufbruch und eine Neuorientierung angesagt waren. 

Aus dem vorläufigen Titel „Mapeux’s Brüder“ wurde der Buchtitel „Breklehem. Roman eines Dorfes“ und aus der Hauptfigur Mapeux wurde namensnäher MaPö, für Martin Pörksen, den Vater des Autors. Martin Pörksen war während der NS-Zeit einer der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein, Mitglied des Leitungsorgans der BK, des Bruderrats, deshalb „Mapeux’s Brüder“. Seit 1934 wirkte er als Missionsdirektor der ev.-lutherischen Missionsgesellschaft in Breklum.

Form des Textes führte zu Fragen und Diskussionsthemen

Im Roman treffen sich die Mitglieder der Pastorenfamilie aus Breklum im Frühjahr 1951 ein paar Monate lang zum Gespräch. Man redet im Studierzimmer des „Familienoberhauptes“ MaPö über die Zeit von 1930 bis 1945. „Der Erzählkreis im Studierzimmer, der dem Geschehen draußen im Rückblick folgt“, so schreibt Pörksen „ist in der Form eine Erfindung – nicht in seinem Inhalt“.

Pörksens Roman war Diskussionsgrundlage für den jüngsten Elmshorner Gesprächsabend. Die Form des Textes führte zu Fragen und Diskussionsthemen. Unter anderem: Ob der Text überhaupt ein Roman sei oder ob er eher im Grenzgebiet zwischen dem „Reich der Literatur“ und dem der „Regionalgeschichte“ oder einer „Zweckliteratur“ zu verorten sei. Ob die Personen als Romanfiguren vom Autor zu wenig spannend entwickelt worden wären oder ob dies der Entscheidung des Autors geschuldet sei, die Mitglieder der ja nicht erfundenen Pastorenfamilie im Roman genau so denken und sprechen zu lassen, wie sie gedacht und gesprochen haben oder mit ihren Charakteren und Überzeugungen gedacht und gesprochen haben könnten, also authentisch.

Das Buch, das ließ uns der Gesprächsabend erfahren, befördert Fragen, Reflexionen, Gespräche. Nicht einfache und schon gar nicht Fragen, die wir schnell gemeinsam verstehen oder gar schnell klar beantworten könnten. Zum Beispiel: „Was sagt uns Breklehem?“. So lautet auch die Frage für ein anstehendes öffentliches Gespräch am 7. März im Nordfriesland Museum in Husum zwischen Uwe Pörksen und dem Schriftsteller und Landesminister Robert Habeck.

Autor öffnet das Geheimnis Breklum

In unserem Gespräch bekannte die Theologin Petra Thobaben, dass Pörksens Breklehem ihr  – der aus NRW zugezogenen Schleswig-Holsteinerin – „das Geheimnis Breklum“ aufgeschlossen habe. Mit einer seiner wenigen wertenden persönlichen Einschübe im Text rekurriert der Autor für sein Verständnis vom Breklum auf einen höchst gehaltvollen Ausdruck des französischen Philosophen Michel Foucault.

 „Foucault  hätte vielleicht in Breklum“, so schreibt Pörksen, „ein ‚Heterotop‘ gesehen“ und verweist auf eine Passage, wo Foucault sagt, „es gebe in jeder Kultur, in jeder Zivilisation, – also doch wohl auch in Schleswig-Holstein? – wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die sonst vorhandenen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte…“.

So wir dieses Bild wahrnehmen, können wir mit ihm sein aktuelles Anregungspotenzial erkunden. Darum sollte es auf dem Gesprächsabend gehen. In bescheidenen Ansätzen. Wahrzunehmen war insbesondere der Prozess, mit dem Millionen getäuscht und zum Mitmachen verführt werden konnten. Wenn große moralische Fehlentwicklungen verhindert werden sollen, geht es um Vorsorge.

 Ist das Jenseits „die Kraft des Diesseits“?

Sozusagen um ein aufzubauendes Immunsystem. Mit der Einladung hatte ich deshalb für das Gespräch die Frage vorgeschlagen: Wie, wenn überhaupt, können wir moderne Gesellschaften gegen große moralische Fehlentwicklungen immunisieren?

In der dritten Gesprächsstunde wurde diese Frage aufgenommen und konkretisiert. Womit können wir die anzustrebende Immunisierung befördern? Ist Religion mit dem Verständnis hilfreich, wie es in dem Roman definiert wird? Als „Rückbindung an etwas Anderes, Maßgebliches, das wir nicht selbst sind. Das uns führt oder tröstet, ängstigt und straft, an die Kandarre nimmt und erleuchtet“. Und: Ist das Jenseits „die Kraft des Diesseits“, wie Pörksen es mit einem Satz von Ernst Troeltsch dem Buch voranstellt? Sind diese vertikalen Denkformen zugunsten von horizontalen im Sinne der Ontologie und Ethik von Spinoza zu überwinden?  Zu diesen Fragen gab es  kontroverse Einlassungen und Ansätze für suchende Erwägungen und Verständigungen. 

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