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Elmshorner Nachrichten

20. August 2017 | 16:04 Uhr

Holocaust : Geschichte mit Gesicht

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Der US-amerikanische Filmemacher Ethan Bensinger zeigte seinen Film an der Berufsschule.

Elmshorn | Die letzte Filmszene ist schon einige Zeit vorbei. Noch immer ist es still in der Aula der Berufsschule. „So ruhig ist es selten – auch wenn man einen Film sieht“, wird Gemeinschaftskundelehrerin Birgit Kleineidam später sagen. Sichtlich bewegt hatten die Elftklässler den Dokumentarfilm „Refugees – Zuflucht“ über jüdische Zeitzeugen des Holocaust des US-amerikanischen Filmemachers Ethan Bensinger verfolgt. Zum dritten Mal ist der Anwalt, der sich selbst als „Educator“ bezeichnet, nun schon in Deutschland – zum einen, um seine eigene Familiengeschichte zu erforschen, aber auch um den Film zu zeigen, der seit 2007 im Selfhelp-Altenheim in Chicago entstanden ist. 1938 wurde es von deutschen Juden gegründet, die vor dem Grauen der Kristallnacht in die USA geflohen waren.

Hannah, Edith, Marietta, Paula, Gerald, Hal und Horst – 30 Holocaust-Überlebende hat Bensinger interviewt. Die letzten sieben lebenden Senioren kamen in englischem O-Ton mit deutschen Untertiteln zu Wort. So entstand ein großes Archiv der Erinnerungen, das Bensinger zusammen mit eingespielten alten Filmaufnahmen und Fotos zu einem dichten Mosaik von Geschichte und Emotionen verwoben hat. Da ist die verzweifelte Suche nach Fluchtwegen von Horst, seine Familie zu sich nach Shanghai zu holen. Oder Marietta, die mit einem der Kindertransporte nach England geschickt wurde und ihre Familie zurücklassen musste. Hannahs Ankunft in Auschwitz, bei der sie mit hunderten anderer Frauen nackt vor dem Nazi-Arzt Josef Mengele entlanggehen musste und dieser entschied, wer vergast wurde. Alt oder schwanger zu sein, war ein Todesurteil. Hannah hatte kurz zuvor ein Baby abgetrieben, weil auch im Getto Theresienstadt Kinder nicht erlaubt waren. Um sich selbst zu retten sagte sie Worte, die sie noch heute bereut: „Ich wollte nicht noch ein jüdisches Kind auf die Welt bringen.“ „Wie rücksichtsvoll“, soll Mengele geantwortet und sie am Leben gelassen haben.

Diese Geschichten von inhaftierten Vätern und Brüdern, Entwürdigungen im Alltag und den Arbeitslagern, Familien, die auseinandergerissen und vergast wurden, Fassungslosigkeit, Leid und Tod aber auch der Wille zu überleben machen den Film so bedrückend persönlich.„Auch wenn es für die Zeitzeugen schwer war – es war für sie wichtig darüber zu sprechen, denn sie sind sich bewusst, dass sie die letzten Zeitzeugen sind“, berichtet Bensinger von den Dreharbeiten. So bekommt der Geschichtsunterricht ein Gesicht.

Rege Diskussion

Die anschließende Diskussion zwischen Schülern und Filmemacher ist rege. Teilweise kennen die Schüler eigene Zeitzeugengeschichten aus der Familie. Max Kruse erzählt von seinem Großvater, der als Soldat Juden nach Auschwitz brachte und die große Scham darüber, als ihm klar wurde, bei was für einem Massenmord er mitgeholfen hatte. Ethan Bensinger hört zu, ermutigt die Schüler zur Diskussion – bis weit in die Pause hinein. Rund 125 Berufsschüler sahen gestern den Dokumentarfilm. Englischlehrerin Antje Carter und Birgit Kleineidam hatten das Projekt organisiert. „Allein dass die Schüler jetzt hier in ihrer Pause stehen und auf Englisch über den Holocaust diskutieren, zeigt, dass sie das Thema wirklich berührt hat“, freut sich Birgit Kleineidam.

Und wie sieht Bensinger die aktuelle Situation in Europa und der Welt? „Ich bin sehr beunruhigt wenn ich Politiker wie Hofer, Fillon oder Trump sehe“, sagt er. Letzterer wolle Muslime registriere. „Dass ist nicht weit von dem entfernt, was den Juden in den 30er Jahren geschah. History repeats itself – Geschichte wiederholt sich immer wieder.“

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