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Gastbeitrag : „Geschichte der Zukunft“: Ein streitbares Buch

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Kann zukunftshistorisches Wissen die Qualität der Politik verbessern?

Elmshorn | Ganz anders als geplant und vorbereitet verlief dieser Gesprächsabend. Alle Beteiligten mussten sich auf eine Situation einstellen, die wir in über 30 Jahren zum ersten Mal erlebten. Einfach war das nicht, schließlich hatten sich alle auf ein Gespräch vorbereitet, in dem der Bielefelder Historiker Joachim Radkau eine besondere Rolle spielen sollte. Sein jüngstes Buch „Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute“ sollte das Gespräch anregen.

Wie immer, wenn wir uns durch das Buch eines lebenden Autors zu einem Elmshorner Gesprächsabend anregen lassen, sollte der Autor dabei sein. Das aber war nun in über 30 Jahren zum ersten Mal nicht möglich. Zugausfälle führten dazu, dass der Autor es nicht von Bielefeld nach Elmshorn schaffte. Tief betrübt über seine missliche Lage kommunizierte er mit uns per E-Mail und schickte auch längere Statements, die er in das Gespräch eingebracht sehen wollte.

„Wozu nützt ein solches Buch?“ So hatte der Bochumer Historiker und Pionier der zukunftshistorischen Forschung, Lucian Hölscher, in seiner Rezension von Radkaus Buch in der FAZ vom 21.3.2017 gefragt. Hölscher hatte seine Antwort im Hinblick auf Historiker entwickelt. Diese müssen zweifellos darüber sprechen und auch klären, was in der disziplinären Gemeinschaft der Geschichtswissenschaftler als gut begründete zukunftshistorische Fragestellung und Arbeit gelten soll.

Ein solcher Zugang ist aber zu eng angelegt, wenn es darauf ankommt zu erkunden, wie zukunftshistorisches Wissen für eine erkennbar gebotene Verbesserung der Qualität der praktischen Politik zu nutzen wäre. „Für einen Fortschritt der Politik selbst“, wie es der Staatsrechtler Peter Unruh in unserem Gespräch prägnant formulierte. Genau das sollte in unserem Gespräch erkundet werden und so lautete die Leitfrage: Was lernen wir aus zukunftshistorischem Wissen für eine kluge Zukunftspolitik im frühen 21. Jahrhundert? Mit dieser Frage wird ein Wissen vorausgesetzt, von dem wir noch nicht wissen, ob es schon vorliegt und anerkannt wird oder doch erst noch zu erarbeiten ist, wofür dann gute Fragen und Arbeitsprojekte zu entwickeln wären.

„Ist das überhaupt Wissenschaft?“

Das Gespräch zeigte: Es ist gut, diesen Fragen nachzugehen, auch wenn damit eine Reihe ungeklärter Fragen und strittiger Themen deutlich werden, auch zu Radkaus Buch. „Ist das, was Radkau vorgelegt hat, überhaupt Wissenschaft?“, fragte sehr pointiert Knut Kübler, der lange Jahre als Prognose-Experte im Bundeswirtschaftsministerium und der europäischen Kommission gearbeitet hat. Frank Uekötter, Historiker an der Universität Birmingham, stellte dar, dass es dem Geschichtswissenschaftler Radkau um „das Narrative“ gehe, er wolle Geschichte mit Geschichten erzählen. Für Radkau sei ein „vagabundierender Blick“ besser als eine professionelle Prognostik.

Viel Zustimmung gab es grundsätzlich für den sehr fruchtbaren Ansatz, mit dem Radkau für zukunftshistorische Arbeiten plädiert. Der Historiker soll Menschen früherer Zeiten verstehen und dazu muss er deren Zukunftserwartungen rekonstruieren. Der herkömmliche Historiker sei zu sehr auf die Retrospektive eingestellt. Als erfolgreich gelte dann ein Historiker, der immer weitere Gründe dafür finde, „dass die Geschichte so verlief, wie sie es tatsächlich tat.“ Viele frühere Erwartungen seien aber oft ganz anders gewesen, als der Fortgang der Geschichte. Sie gelte es zu erfassen und mit ihnen alternative vergangene Zukünfte.

Weithin anerkannt wurde, dass Radkau sehr viel Material zum früheren Zukunftsdenken erschlossen und informativ aufbereitet habe. Widerspruch gab es zu Radkaus Ansprache von Überraschungen, die er immer wieder glaubt aufzeigen und aus denen er Schlussfolgerungen für die praktische Politik glaubt ziehen zu können. Kritisiert wurde von vielen, auch von mir, sein Verständnis von Prognosen und Utopien, eine fehlenden Systematik und eine gedankenleitende Theorie, die an zukunftspolitischen Aufgaben orientiert ist.

Mit Zukunftspolitik geht es insbesondere um die politischen Aufgabenfelder, die nur gut bearbeitet werden, wenn sie längerfristig verfolgt werden, wofür gesellschaftlich breit getragene langfristige Orientierungen erreicht werden müssen, zum Beispiel in der Wachstumsfrage, in der Klimapolitik oder in der demokratischen Technologiepolitik. Frühere Ansprachen dieser Aufgabenfelder, die aber über Jahrzehnte immer wieder verdrängt wurden, könnten durch zukunftshistorische Arbeiten aufgezeigt werden. Die Rekonstruktion vergangener Zukunftserwartungen und -konzepte wäre in dieser Sicht nützlich, weil damit zukunftspolitische Aufgaben besser verstanden, aufgezeigt, vermittelt und bearbeitet werden könnten.

Schriftlich hatte Radkau uns mitgeteilt: „Ich gestehe ganz offen: Ich bin mit diesem Thema noch nicht fertig.“ Auch deshalb hatte er sich auf das Gespräch so gefreut und wir uns auf diesen Autor als Gesprächspartner. Bei Radkau sind wir sicher, nicht auf einen Autor zu treffen, der sein Buch und dessen Thesen nur verteidigen will. Ihm geht es um Lernprozesse. Ich bin sicher, dass Radkau auch die auf diesem Gesprächsabend artikulierte Kritik, die wir ihm detaillierter vermitteln werden, aufnehmen und mit klaren Repliken weitere Lernprozesse anregen wird.

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