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SHMF Elmshorn : Gänsehaut beim Festival-Finale

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Matthias Goerne und das Ensemble Resonanz überzeugen mit ihrem Liederzyklus von Felix Mendelssohn in der Elmshorner Reithalle.

Elmshorn | Was bedeutet die Bewegung? Eine Frage die schon in den Suleika-Gedichten von Marinna von Willemer aus Goethes ,,West-östlichem Divan‘‘ bearbeitet wird. Genau diese Frage wurde am Mittwochabend beim dritten und letzten Elmshorner Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals von Matthias Goerne, dem Ensemble Resonanz und dem Komponisten Torsten Rasch den etwa 500 Zuhörern gestellt.

Es ist doch immer das Gleiche mit diesen verfluchten Liederabenden und neueren, zeitgenössischen Kompositionen. Man weiß ja nie so recht, was einen erwartet. Ein trostloser Abend mit einer Aneinanderreihung der unterschiedlichsten Lieder? Ein einsamer Sänger und ein einsamer Pianist auf der Bühne? Eventuell sogar bizarre Klänge und zu viele Dissonanzen für das Mozart- und Beethoven-gewöhnte Ohr? Zu viel Arnold Schönberg? Zu wenig Ästhetik? Vielleicht füllten sich ja deshalb die Reihen in der Reithalle nicht ganz. Vielleicht war die Angst vor einem gewöhnlichen Liederabend dann doch zu groß.

Schade drum, denn das, was Matthias Goerne zusammen mit den Musikern des Hamburger Ensemble Resonanz erklingen ließ, war eine Bandbreite von großem musischen Können, raffinierten Kompositionen und Arrangements – und die Vorstellung eines, man kann es nicht anders sagen, genialen Komponisten: Felix Mendelssohn.

Torsten Rasch schuf aus sechs Liedern Mendelssohns einen neuen Liederzyklus, ersetzte die originale Klavierbegleitung durch ein zwölfstimmiges Streichensemble und versah die Übergange mit eigenen komponierten Zwischenspielen und schuf, ganz simpel gesagt: eine Bewegung.

Wenn Matthias Goerne, der sympathische, aus Weimar stammende Bariton, die ersten Töne anstimmt, dann ist das Genuss pur. Wie perfekt sich die Streicher um die Welt des Märchens, der Feen, der Träume legen, sie umspielen, diese einfachen Lieder mit einem neuen Klang füllen. Aber es endet nicht einfach auf einer schönen, einfachen Kadenz, sondern es spinnt sich fort. Ja, es bewegt sich. Die Musik bleibt nicht einfach stehen, sondern entwickelt sich weiter.

Hinein in ein Zwischenspiel, nur die Streicher, der Gesang verstummt. Eine instrumentale Neukomposition, zwischen zwei Mendelssohn-Liedern, die wahrscheinlich jeder romantischen Kompositionsart vollkommen widerspricht. Man wagt sogar die Hypothese aufzustellen, dass der ein oder andere romantische Komponist sich im Grabe umgedreht hätte. Ein so starker Kontrast: wie das Ensemble eine Bandbreite an Ambitus, Artikulation, Dynamik und Spieltechniken präsentiert. Und das Publikum hört von pianissimo bis fortissimo, von largo bis prestissimo, von arco über tremolo bis pizzicato. Und das alles in nur einem kurzen, zwei romantische Lieder verbindenden Zwischenspiel. Und darüber stehen die Dissonanzen, die Vorhalte, das Atonale, was sich gegen Ende doch wieder so wunderbar in die Tonart des neuen Liedes einbettet.

,,Ich habe gelebt und geliebet!‘‘ – singt Matthias Goerne mit einer vollen, klaren Stimme nach Zeilen Friedrich Schillers. Und dann endet das Zwischenspiel auf diesem sterbenden Ton, der weitergezogen wird, immer weiter und den Übergang zu den sehnsuchtsvollen Suleika-Gedichten schafft. Dieser Moment: Das ist Gänsehaut pur! Das ist Musik! Das fühlt sich an wie ,,Ich habe gelebt und geliebet!‘‘.

Die anschließende Bach-Kantate und das Oktett op. 20, welches Felix Mendelssohn schon mit 16 Jahren in Vollendung komponierte, sind dabei aber nicht weniger beeindruckend. Mit welcher Stimmgewalt Matthias Goerne seine Koloraturen singt, wie lieblich sich der Klang der Oboe unter die Streicher mischt und mit welcher Hingabe die acht Musiker des Ensembles das Oktett spielen. Die verschwitzten Gesichter, die Blicke unter den Musikern um sich auch ohne Dirigent zu verständigen. Das ist völlige Hingabe. Das erinnert an die Worte, die Christian Saalfrank, Geschäftsführer der Sponsorengesellschaft Schleswig-Holstein Musik Festival mbH, zu Beginn des Konzertes an einige Gäste richtete: ,,Musik verbindet die Generationen, sie muss nicht immer der ernsten Klassik zuzuordnen sein, sie schafft Bindungen und hier beim Schleswig-Holstein Musik Festival ist sie vor allem qualitativ hochwertig.“

Ja, das war dieses Konzert. Es hat Bindungen geschaffen zwischen alt und neu, zwischen modern und traditionell und vor allem: Es hat Bewegung geschaffen. Bewegung zwischen alten romantischen Liedern und neuen Kompositionen, es hat traumhafte Gedanken der Gedichte weitergesponnen, es hat Felix Mendelssohns geniale Kompositionen aufgegriffen und weiterentwickelt.

An alle, die also einen langweiligen Liederabend oder erschreckende ,,neumodische‘‘ Musik erwartet haben: Der Schein trügt! Ein Konzert, was absolut hörenswert war.

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erstellt am 22.Aug.2014 | 10:00 Uhr

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