Fußball ist letztendlich ein Geschäft

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Interview Michael Fischer über die Rolle des Trainers in einer Zeit, in der es oft ums Geld geht / Hoffen auf ein gesundes 2018

shz.de von
30. Dezember 2017, 16:00 Uhr

25 Minuten nachdem am 24. Oktober die Nachricht von seiner Entlassung beim VfR Horst am späten Abend durch die Online-Medien ging, hatte Michael Fischer den ersten Anrufer am Telefon, der sich über ein mögliches Engagement des Fußballtrainers erkundigte. Entschieden hat sich der 50 Jahre alte Lehrer aus Appen vor drei Wochen für den abstiegsbedrohten Oberligisten FC Türkiye. Das Jahres-End-Gespräch mit dem immer für einen Spruch guten früheren Zweitliga-Stürmer drehte sich zwar viel, aber nicht nur um den Ball.

Warum wird 2018 das Jahr des Michael Fischer?

Michael Fischer: Wenn man das vorausschauen könnte, würde ich spätestens morgen den großen Lottoschein abgeben. Ich hoffe, dass sich im Vergleich zu 2017 einige Dinge verändern, die sich für mich im privaten, gesundheitlichen und sportlichen Bereich ergeben haben.

Die da wären?

Wenn ich vom familiären ausgehe, dann hoffe ich, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist. Wenn ich vom gesundheitlichen ausgehe, habe ich vor drei Jahren die Tumor-Geschichte im rechten Oberarm gehabt. Die galt medizinisch eigentlich schon als tot, aber nun ist der Tumor vor einem halben Jahr wieder entdeckt worden. Das heißt, ich werde Anfang 2018 wieder mit der Bestrahlung anfangen. Klappt das, dann wäre ich 2018 wie – ich will nicht sagen wie neu geboren – ein Stück weit ins Leben zurückgekehrt. Beruflich hoffe ich, dass ich mich wieder intensiver um meine Schüler kümmern und sie zum Abschluss bringen kann.

Und dann gibt es den Sport. Ohne Fußball geht es bei Ihnen nicht, oder?

Fußball ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, aber ich sage den Spielern immer: Es gibt gewisse Dinge, die sind wichtiger als der VfL Pinneberg oder der VfR Horst: Das ist der Beruf und das ist die Familie. Sport ist für mich ein Ausgleich zum Job. Es ist für mich eine Sache, einfach draußen zu sein, einfach abgelenkt zu sein von anderen Dingen wie zum Beispiel Schule oder meine Krankheit. Dass man einfach den Kopf frei kriegt. Ich hoffe einfach, dass ich für dieses halbe Jahr mit dem FC Türkiye einen Neuanfang machen kann.

Wie haben Sie die sechs Wochen zwischen Rausschmiss in Horst und Bekanntgabe des Engagements beim FC Türkiye erlebt?

Wenn man rund 20 Jahre als Trainer tätig ist, dann kann man sich mit der Sommerpause und der Winterpause anfreunden. Aber mittendrin aus diesem Rhythmus rausgezogen zu werden und dann zu Hause zu sein, ist ungewöhnlich. Die Frau und die Kinder sagen natürlich „Das ist toll, dass du mal hier bist“, denn sonst haben wir uns nicht so oft gesehen. Wir haben ein recht chaotisches Familienleben: Der eine Sohn, Yannik, beginnt morgens um 6 Uhr bei der Arbeit, kommt gegen 15 Uhr wieder nach Hause, erholt sich noch ein bisschen und fuhr dann – bis vor sechs Wochen – mit seinem Vater zum Training nach Horst. Ich komme mittags nach Hause, dann ist Lukas aber weg; er macht eine Ausbildung zum Koch im Cap Polonio, beginnt um 13 Uhr und arbeitet bis 22 Uhr. Das heißt: Den siehst du als Vater abends beim Abholen, morgens schläft er länger. Die Pause war daher auf der einen Seite wirklich gut, weil ich die Möglichkeit hatte, die Jungs mal öfter zu sehen. Aber ungewöhnlich war es trotzdem.

Ihre Frau hat laut gejubelt, als Sie den neuen Vertrag beim FC Türkiye unterschrieben haben?

Sie weiß natürlich, dass es der Familie auch vom Finanziellen her gut tut. Ein gewisser Teil unseres Lebensstandards wird auch darüber finanziert, keine Frage. Es ist mehr als nur Hobby und zu einem Teil auch Job für mich. Vor zwei Jahren war es nach dem Aus in Pinneberg so, dass ich ein halbes Jahr zu Hause gewesen bin. Da kam dann schon mal der Spruch: „Es ist schön, dass du zu Hause bist, aber such dir mal ein Hobby.“ Wenn man sich über Jahrzehnte unregelmäßig sieht, worauf man sich einstellen kann, dann will ich nicht sagen, dass man sich auf den Keks geht, aber ungewöhnlich war es schon. Damit muss man klarkommen. Ich habe aber seit dem Rausschmiss in Horst viele Gespräche mit Vereinen über ein sofortiges Engagement, eines zur Winterpause oder auch über die Saison 2018/19 geführt.

Heißt das, das Engagement beim FC Türkiye, das für viele überraschend kam, ist eines für ein halbes Jahr?

Ich habe mit offenen Karten gespielt: Ich werde versuchen, die Mannschaft zu retten und dann werden wir relativ zeitnah Anfang des Jahres schauen, wie es weiter geht und eine Entscheidung treffen. Andere Vereine, die um einen buhlen, wollen natürlich auch nicht erst im Juni wissen, ob Fischi beim FC Türkiye bleibt oder nicht. Ich habe dem Verein ganz klar gesagt, wenn es so läuft, wie ich es mir vorstelle, steht einer Verlängerung auch nichts im Wege, wenn es seitens des Vereins gewünscht ist. Wenn ich aber der Meinung bin, dass es besser ist, dies nur interimsweise zu machen, suche ich mir ein anderes Betätigungsfeld.

Sagt es etwas über die Rolle des Trainers in einem Verein aus, dass Sie jetzt sowohl in Pinneberg als in Horst vorzeitig gehen mussten?

Ich bin keiner, der nach ein oder zwei Jahren hin- und herspringt. Ich hätte auch gern in Horst weiter gemacht, weil ich denke, dass wir viel erreicht haben: Kreispokalsieg, Qualifikation für die neue Landesliga und dort Platz neun, wobei klar war, dass es für oben nicht reichen würde, da die Mannschaften in der Holstein-Staffel zu stark sind.

 Ich gehe nicht zu einem Verein, der sagt ich will ein Jahr Fünfter, Zweiter, Achter oder Zehnter werden, sondern ich will eine Perspektive. Ich möchte über Jahre etwas aufbauen. Dieses Konzept lege ich einem Verein vor und wenn er das auch möchte, dann kommen wir ins Gespräch. Kurzfristige Sachen sind Ausnahmen.

Es bleibt aber der Eindruck, dass es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, langfristig zu planen – gerade in der Oberliga.

Es gibt in der Oberliga durch die Bank weg das Problem Finanzen. Das Geld, das vor Jahren und Jahrzehnten bezahlt worden ist, wird weniger. Es fehlen immer öfter Jugendliche im eigenen Nachwuchs. In Folge dessen muss man zukaufen. Das kostet Geld. Und wenn man sich das nicht leisten kann, geht’s nur darum, zu überleben. Und man kennt das doch: Dann fällt der Hauptsponsor weg, ich kann schon wieder Spieler nicht halten, ich muss wieder von vorne anfangen – und deswegen ist es dadurch zu erklären, dass diese Fluktuation stattfindet.

Trotzdem ist immer noch der Trainer das schwächste Glied in der Kette, wenn kurzfristiger Erfolg ausbleibt. Kann man lernen, damit zu leben?

Wenn man den Job machen will, muss man das.

Muss man als Trainer flexibler mit seinen Ansprüchen sein?

Ich mache es nicht. Ich gehe in die Gespräche mit einem Verein mit den Ansprüchen, die ich habe. Ich sage ganz klar, wie ich arbeiten möchte. Ich habe in Pinneberg etwas ins Leben gerufen, was danach viele Oberligisten nachgeahmt haben, nämlich die sogenannte Nachwuchsrunde. Eine Durchlässigkeit von der A-Jugend über die Zweite bis in die Liga. Sprungbrett zu sein für die Liga. Beide Mannschaften, wenn es geht, leistungsmäßig nach oben zu bringen.

Wenn wir uns in einem Jahr wieder hier treffen würden, dann ist Michael Fischer zum einen wieder richtig gesund...

Ja, das ist für Michael Fischer das absolut wichtigste.

...seine Frau freut sich immer noch, wenn Michael Fischer nach Hause kommt und die erwachsenen Kinder freuen sich ebenfalls, wenn sie den Vater mal sehen...

Ja, da gehe ich von aus.

Und Michael Fischer trainiert einen Verein in der Oberliga.

Könnte sein, muss aber nicht. Es könnte auch ein Landesligist mit Ambitionen Richtung Oberliga oder ein Bezirksligist mit Ambitionen Richtung Landesliga sein. Ich bin nicht festgelegt auch eine bestimmte Liga-Zugehörigkeit, sondern ich möchte dass der Verein mir etwas präsentiert und wenn ich da eine Perspektive sehe, ist das o. k. Wenn die Perspektive nicht da ist, werden wir schwerlich zusammenkommen.

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