Dorfgespräch: 60 Minuten in Altenmoor : Für jeden Hof ein Boot

Andrea Koschany und Wolfgang Borchert-Koschany unterwegs mit ihrem Parson Jack Russell Carla.

Andrea Koschany und Wolfgang Borchert-Koschany unterwegs mit ihrem Parson Jack Russell Carla.

In der Gemeinde Altenmoor nehmen sich die Menschen Zeit füreinander.

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07. Oktober 2019, 14:00 Uhr

Altenmoor | Schneller, schneller, immer weiter – viel zu oft geht es im Galopp durch das Leben und wir huschen von Termin zu Termin. Unser Reporter Jann Roolfs macht da nicht mehr mit. Er nimmt sich eine Auszeit – 60 Minuten lang. So lange verweilt er an einem Ort – etwa in Altenmoor.

16.30 Uhr. An der Wand des Feuerwehrhauses stehen die Namen der beiden Ortsteile: Altenmoor und Bullendorf. Ein Feuerwehrhaus mit drei Teilen und Verbindungen dazwischen, schräg davor ein Wartehäuschen, die Straße ins Moor geht von der Durchgangsstraße ab: Das Zentrum. „Hier trifft sich das Dorf“, bestätigt Wolfgang Borchert-Koschany. Er ist mit seiner Frau Andrea Koschany und Parson Jack Russell Hündin Carla unterwegs. Er zählt auf, was in Altenmoor an öffentlichen Leben stattfindet: Laternelaufen, Dorfputz, Seniorennachmittag.

„Die Feuerwehr steht auf Raa-Besenbeker Gebiet“, sagt seine Frau. Sie erklärt auch, wo die Grenze zwischen den Ortsteilen verläuft. Nicht hier, wo eine Straße ins Moor abzweigt, sondern rund einen Kilometer weiter rein ins Moor. „Beim Granitfrosch fängt Altenmoor an“, erklärt Andrea Koschany. Altenmoor ist die einzige Gemeinde, mit einen Frosch als Wappentier

„Eingeschworene Gemeinschaft“

Die beiden schwärmen von der Nachbarschaft: „Bei 240 Einwohnern ist das eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagt Borchert-Koschany. Abends kämen viele Dörfler nochmal vor die Tür, „auch die Alten kommen ’raus für die letzte Runde. Dann trifft man sich und schnackt: Was ist los im Dorf?“

Ihre Tour jetzt ist zu früh dafür. Die Beiden wollen „nochmal in Bewegung kommen“, der Standardweg führt rund anderthalb Kilometer ins Moor bis zur Au und dort zu Andrea Koschanys „Filetstück: Da kann man sitzen und auf die Au gucken“.

Koschanys sind zwar keine gebürtigen Altenmoorer oder Bullendorfer, aber Andrea Koschany kam als Zwölfjährige aus Hamburg hierher, ihre Eltern hatten einen Resthof gekauft. Mit ihrem Mann hat sie später auf Amrum und in Elmshorn gelebt, aber das Dorf hat sie nie losgelassen: Die Altenmoorer waren überzeugt, dass Koschanys zurückkommen würden und gaben ihnen Bescheid, wenn im Dorf ein Haus zum Verkauf stand.

In Richtung Elmshorn heißt die Straße nicht mehr Bullendorf sondern Landscheide. Sie verläuft auf einer alten Grenze, noch heute liegt rechts der Kreis Pinneberg, die Straße selbst gehört mit den Häusern zu Steinburg.

Wehrführer Siegfried Braatz kommt in Gärtner-Arbeitskleidung auf dem Fahrrad in Richtung Moor gefahren; er will sich beim Dorf-Schrauber erkundigen, ob die Zugmaschine für die Baumschule, in der Braatz arbeitet, inzwischen fertig ist. „Da fährt das ganze Dorf hin“, sagt er : „Der kann sowas zusammenfummeln.“ Braatz ist in Elmshorn geboren, er wohnt seit 1983 auf dem Hof seiner Schwiegereltern. Braatz zählt die Dorfaktivitäten auf: Regelmäßig wird im Feuerwehrhaus Gymnastik gemacht und neuerdings genäht, es gibt eine Theatergruppe und einmal im Jahr stellen die Altenmoorer ihr Zelt auf die Wiese und feiern mit 300 Leuten: Kaffee, Kuchen und Disco.

„Ich bin froh, hier aufgewachsen zu sein“

Ein bisschen schwer tut sich die Wehr mit dem Nachwuchs: In Altenmoor trägt nur eine Frau den blauen Rock, junge Leute sind knapp. Braatz: „Für viele Zugezogene ist es ein bisschen schwer, sich zu integrieren.“ Am Feuerwehrhaus kommt der nächste Radfahrer vorbei, ein junger Mann. Peter Stammerjohann hat nach der Schule in Elmshorn seine Freundin besucht, jetzt ist er auf dem Heimweg ins Moor. Von zu Hause bis in die Stadt sind es für ihn fünf Kilometer, mit dem Rad braucht er dafür 20 Minuten: „Man gewöhnt sich dran“. Muss er auch, denn raus nach Altenmoor kommt außer seiner Freundin kaum jemand, die Partys finden in Elmshorn statt. Siegfried Braatz radelt vorbei und gibt Auskunft: Der Gärtner-Trecker ist noch nicht fertig.

„Ich bin froh, hier aufgewachsen zu sein“, sagt Peter Stammerjohann. Er fährt weiter, da kommen Koschanys von ihrem Spaziergang zurück. Wolfgang Borchert-Koschany zeigt das Dorfwappen auf seinem Handy: Frosch, Krone und drei Bohlen. Von denen leitet sich der Name des Ortsteils Bullenkuhlen ab, die Bohlen wurden benötigt, um die Wege im Moor zu befestigen. Borchert-Koschany sagt auch, dass zu jedem Hof früher ein Boot gehörte, um die manchmal überflutete Landschaft zu passieren. Und für den Notfall ein Sarg auf dem Dachboden; bei hohem Wasser konnte schließlich niemand beerdigt werden. Solange kein Verwandter im Sarg lag, wurden Äpfel drin aufbewahrt.

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