Für 50 Pfennig ins Schwimmbad

Ingried Heintzsch brachte ihr Fotoalbum mit in die Redaktion.
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Ingried Heintzsch brachte ihr Fotoalbum mit in die Redaktion.

In einer Serie zeigen die EN historische Aufnahmen zum Thema Freizeit / Rückmeldung von mehreren Lesern

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24. Juli 2018, 16:53 Uhr

Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen, heißt es. Aber was Ingried Heintzsch, 75, aus Elmshorn zu ihrem Schulzeltlager 1952 am Sehlendorfer Strand zu erzählen weiß, klingt aus heutiger Sicht skurril: „Da hatten wir kein fließend Wasser. Da mussten wir uns mit Ostseewasser waschen und Zähneputzen. Ekelig.“

„Früher war mehr draußen“, titelten die EN vor 14 Tagen und kündigten damit eine Serie von historischen Fotos zum Thema Freizeit an. Wer mehr zu den Bildern, die zumeist aus dem Stadtarchiv stammten, wisse oder etwas zu dem Thema Freizeit früher erzählen möchte, dürfe sich gerne in der Redaktion melden, hieß es im Text. Heintzsch nahm dieses Angebot an und brachte einen Schatz mit in die Redaktion: Ein Fotoalbum. Darin finden sich Fotos von Zeltlagern und Vereinsfeiern – vor allem aber vom Elmshorner Freibad, wo sich früher die ganze Elmshorner Jugend traf. „Wenn die Sonne schien, waren wir täglich da.“ 1958 trat Heintzsch in den FTSV ein und verfolgte Schwimmen auch als Sport. Einmal wollte sie erreichen, dass ihre Eltern mit ins Bad kamen. „Ich sagte, wollt ihr nicht mitkommen und sehen, wie ich schwimmen kann? Dann kamen sie an einem Sonntag, so richtig feingemacht in Sonntagskleidung. Das war mir peinlich.“

Den Unterschied zwischen Sonntag und Werktag kennt auch Hans-Peter Klemm, Jahrgang 51, noch. Sonntags musste man als Kind weiße Strümpfe anziehen, erzählt er. Und noch einen Unterschied gab es: „Wenn auch die ganze Woche Schmalhans war, am Sonntag gab es Sonntagsessen. Mit zwei Sorten Fleisch.“ Auch Klemm erzählt von einer Jugend im Freibad. Die Wiese sei nach Schulen aufgeteilt gewesen, jeder hatte seine Clique. „Ich habe im Juni Geburtstag und ab Mai hatte das Bad geöffnet. Da habe ich immer einen Vorschuss auf mein Geschenk bekommen – für eine Jahreskarte.“ Zehn oder zwölf Mark habe sie damals gekostet, 50 Pfennig der einmalige Eintritt. „Wenn jemand gar kein Geld hatte, haben wir die Jahreskarte schon mal durch den Zaun nach draußen gesteckt, damit der nächste damit reinkam.“

Freizeit sei früher begrenzter gewesen, erzählt Heintzsch: „Von der Zeit her aber auch finanziell.“ Ihre Eltern hatten einen Garten und als Kind musste man mithelfen. „Nach der Schule musste ich Bohnen pflücken. So etwas brauchen Kinder heute nicht mehr.“ Daran, dass ihre Eltern einmal in die Ferien gefahren sind, kann sie sich nicht erinnern. Das Geld war knapp. Für viele Elmshorner waren Zeltlager und Austausche deshalb eine günstige Möglichkeit, einmal raus zu kommen. Davon erzählt auch die Leserin Waltraud Zarbok, 76. Organisiert vom Heimatverein Tru un fast hatte ihre Familie regelmäßig Besuch von der Familie Nissen aus Jündewatt. Seit 1937 besteht eine Partnerschaft zwischen dem Ortsteil der Gemeinde Tingleff in Nordschleswig (Dänemark). „Wir haben immer noch sehr engen Kontakt. Sie sind mir genauso nah, wie meine eigenen Kinder“, sagt Zarbok. Die Elmshornerin hat ein Foto geschickt. Es zeige die beiden Familien in der Elmshorner Badeanstalt und sei etwa 1956 aufgenommen, schätzt Zarbok. Zu sehen sind Kinder und Erwachsene auf einer Wippe. „Wenn man das so vergleicht, stimmt ihre Überschrift schon: Früher war mehr draußen.“

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