Frech kommt leider weiter

shz.de von
04. Juni 2018, 15:03 Uhr

Meine Nerven lagen blank wie ein Babypopo! Nach einem Tag im überhitzten Büro und einer insgesamt nicht zufriedenstellenden Bahnfahrt wollte ich noch kurz in die Innenstadt und eine Besorgung machen, bevor ich mich erschöpft und demoralisiert zu Hause für ein wohlverdientes Entspannungsbad in die Eistonne setzen wollte. Ich hatte die Tür zum Geschäft fast erreicht, da kam mir ein junger, aufgekratzter Spacken forsch entgegen gesprungen und versperrte mir den Weg. Noch bevor er etwas sagte, war er mir schon gleich innerhalb von nicht einmal einer Sekunde unsympathisch. Das passiert mir nun wirklich nicht oft, aber es war Abneigung auf den ersten Blick und ich wusste sofort, dass wir in diesem Leben sicherlich nicht mehr zusammen zum Zelten fahren werden.

Und als er dann den Mund aufmachte, bestätigte das meinen Eindruck vom Augenblick zuvor. Er hielt mir einen leeren, an den Rändern abgekauten Pappbecher entgegen, in dem drei, vier Münzen klimperten, und verlangte kackfrech Geld von mir, damit er sich was zu trinken kaufen kann. Er fragte nicht danach, er forderte es ein! Und ich glaubte, es hackt! Zwar war ich, was Kleingeld angeht, flüssig wie ein Wasserfall, aber ein derart impertinentes Verhalten darf auf keinen Fall belohnt werden, schon gar nicht mit Geld.

Ich weiß, ich hätte ihn auch einfach ignorieren und sein lokales Crowdfunding als der vermeintlich Klügere gekonnt weglächeln können. Hätte, hätte, Etikette! Das wollte ich mir aber nicht gefallen lassen. Zudem war ich in dem Moment nicht im Einklang mit meinem spirituellen Ich und durch den unrunden Tag hinzu unausgeglichen. Und ich hatte Blutdruck! So machte ich ihm deutlich, was ich von seiner unkonventionellen Sammelaktion hielt und fragte rein inhaltlich, nur mit anderen Worten (also so, dass er es auf alle Fälle begreifen würde), ob sein letzter Stuhlgang eventuell unbefriedigend war. Kaum das gesagt, war ich mir nicht sicher, ob ich mich nicht vielleicht unsouverän verhalten hätte. Er hörte mir jedoch schon längst nicht mehr zu und hielt seinen Becher bereits dem Nächsten hin.

Als ich keine Viertelstunde später das Geschäft wieder verließ, saß der Schnorrbert tatsächlich ziemlich selbstzufrieden mit einer Dose Bier auf einer Bank und soff in großen Schlucken irgendeine Billigplörre aus dem Discount. Als er mich sah, prostete er mir hämisch zu. Und ich ärgerte mich. Nicht über ihn, sondern über den, der ihm tatsächlich das Geld dafür gegeben hat.

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