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Ausstellung in Schenefeld : Fotos aus der Sperrzone von Tschernobyl

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Nils Konheiser fängt mit seiner Kamera verlassene Orte ein. Im Winter war er im Gebiet der Nuklearkatastrophe.

Sparrieshoop | Eine verlassene Lungenheilanstalt aus dem 19. Jahrhundert in Oranienburg, ein stillgelegter Freizeitpark mitten in Berlin oder auch die Sperrzone von Tschernobyl – es sind solche aufgegebenen Orte, sogenannte „Lost Places“, die Nils Konheiser faszinieren. Der 20-Jährige aus Klein Offenseth-Sparrieshoop liebt es, diese Plätze in seiner Freizeit mit der Kamera zu erkunden. Daraus entstehen faszinierende Fotos, Momentaufnahmen, wie die Natur sich menschliche Lebensräume zurückerobert – und das in einer Qualität, die den Vergleich mit Profi-Fotografen nicht zu scheuen braucht. „Ich finde es spannend, Orte so vorzufinden, wie Menschen sie vor langer Zeit verlassen haben – und wie sich diese Spuren mit dem Verfall vermischen“, sagt Konheiser.

Die eingelegten Tiere im Versuchslabor von Tschernobyl.

Die eingelegten Tiere im Versuchslabor von Tschernobyl.

Foto: Nils Konheiser
 

Am aufregendsten war für ihn der Besuch in Tschernobyl. Zum Jahreswechsel besuchte der gelernte Gärtner die Sperrzone in der Ukraine über 30 Jahre nach der Nuklearkatastrophe in der Ukraine. Die Reise wurde, wie die meisten seiner Expeditionen, von einem auf „Lost Places“ spezialisierten Unternehmen organisiert. „Man unterschreibt eine Verzichtserklärung und darf sich dann fast frei in den Gebäuden bewegen“, erzählt Konheiser. Nun ist Tschernobyl natürlich selbst unter den verlassenen Orten dieser Welt etwas besonderes. Die Sperrzone rund um das Kraftwerk gilt nach wie vor als einer der gefährlichsten Plätze der Erde. Die Strahlenbelastung ist im Durchschnitt 50 bis 100-Mal höher als die Strahlung, der Menschen in Deutschland normalerweise ausgesetzt sind. „Ich habe mich vorher genau informiert“, erklärt Konheiser. „Meine Eltern waren zunächst alles andere als begeistert von meinen Plänen.“ Deshalb sei seine Mutter, ebenfalls eine passionierte Hobby-Fotografin und normalerweise seine Begleiterin zu den „Lost Places“, auf diese Reise nicht mitgekommen. „Dabei ist die Strahlung grundsätzlich nicht höher als auf Transatlantik-Flügen“, sagt Konheiser. Aber es gibt sogenannte „Hot Spots“, die um ein vielfaches höher belastet sind. „Ich hatte immer ein Dosimeter dabei, um jederzeit die Strahlung messen zu können“, sagt der Hobby-Fotograf. „Und ich habe mich immer nahe beim Guide gehalten und Gebäudeecken gemieden, also Stellen, an denen sich radioaktive Partikel befinden könnten.“

Der verlassene Freizeitpark.

Der verlassene Freizeitpark.

Foto: Nils Konheiser

Als Konheiser mit seiner Gruppe die verlassene Stadt betrat, hatte er dennoch ein mulmiges Gefühl. „Am Anfang war ich sehr vorsichtig“, sagt er. „Aber was ich in Tschernobyl vor die Linse bekommen habe, war absolut faszinierend.“ Konheiser sah eingestürzte und vereiste Treppenhäuser, er fotografierte von den Wänden abblätternde Farbe, Eiszapfen an den Zimmerdecken, zum Keller durchgebrochene Holzdielen, zerbrochene Fensterscheiben, Bäume, die aus den Dächern herauswachsen – und immer wieder Spuren der plötzlichen Flucht vor der Katastrophe. In einem Kindergarten entdeckte er beispielsweise haufenweise Bettwäsche, eine alte Puppe auf einem Stuhl und Nachttöpfe unter den Betten. „Wenn man das sieht, läuft es einem kalt den Rücken herunter“, erinnert sich der junge Mann. „Die Katastrophe vor 30 Jahren wird plötzlich lebendig.“ Fotografisch sei es eine Herausforderung gewesen, dieses Gefühl einzufangen. „Am ersten Tag hatten wir strahlenden Sonnenschein. Auf den Fotos wirkte das Licht oft viel zu warm und freundlich, um der Umgebung gerecht zu werden.“ Bei der späteren Bildbearbeitung half Konheiser beim Farbton deshalb etwas nach. Es ist ihm wichtig, dass die Betrachter seiner Bilder die Stimmung vor Ort nachspüren können. Um das zu erreichen, nimmt er jedes Motiv dreimal mit verschiedenen Belichtungszeiten auf und fügt diese später am Computer zu einem sogenannten HDR-Bild zusammen. Dadurch erreicht er Fotos mit einem extrem hohen Dynamikumfang und ist in der Lage, das in der Natur vorkommende Licht in all seinen Facetten abzubilden.

In Tschernobyl hat Konheiser mit seiner Kamera wilde Hunde und sogar einen zahmen Fuchs abgelichtet. Er hat Kühltürme fotografiert, die nie in Benutzung waren und nachträglich von Streetart-Künstlern neu entdeckt wurden. Unter den Bildern finden sich auch verstörende Aufnahmen, etwa aus einem Labor, in dem Wissenschaftler Versuche mit radioaktiv verseuchten Tieren gemacht haben. Die Gläser mit eingelegten Fischen und Krebstieren stehen immer noch in den vor langer Zeit aufgegebenen Räumen und erinnern an Szenen aus einem Horrorfilm. In einem verlassenen Freizeitpark stehen die Autoscooter noch mitten auf der Fahrbahn – so, als hätten die Fahrgäste sie gerade erst verlassen.

In einer Turnhalle stehen noch Barren und Schwebebalken.

In einer Turnhalle stehen noch Barren und Schwebebalken.

Foto: Nils Konheiser
 

Bedrückend waren für Konheiser die Spuren des Vandalismus, die er in Tschernobyl entdeckte. Vor allem im Sommer besuchen mittlerweile Scharen von Touristen diesen Ort. „Überall haben wir eingeschlagene Wände und Fensterscheiben gesehen. Es ist sehr schade, dass selbst ein solcher Ort davon nicht verschont bleibt.“ Eineinhalb Tage hat die Erkundung am Ende gedauert. „Eigentlich eine viel zu kurze Zeit“, sagt Konheiser. Er möchte noch einmal zurückkehren. Der Ertrag aus der Reise sind fast 300 beeindruckende Bilder, die die Stimmung vor Ort auch für die Daheimgebliebenen eindrucksvoll einfangen.

Wer möchte, kann die Bilder von Nils Konheiser vom 9. Juni bis 15. Juli, immer donnerstags bis sonnabends von 16 bis 18 Uhr, beim Kunstkreis Schenefeld im „Stadtzentrum“ Schenefeld, Kiebitzweg 2, bewundern. Konheiser zeigt seine Fotos dort im ersten Stock in einer Ausstellung unter dem Titel „Lost Places“. Die Vernissage ist am Freitag, 9. Juni, ab 18 Uhr. Konheiser wird dann selbst einige Worte zur Einführung sagen.
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erstellt am 02.Jun.2017 | 16:10 Uhr

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