Abschiebung nach 18 Jahren : Familien-Drama von Amts wegen

Alaa Edin (l.) und Abdul Cader Chafi: Seit 18 Jahren in Elmshorn Zuhause. Jetzt sollen sie sich trennen.
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Alaa Edin (l.) und Abdul Cader Chafi: Seit 18 Jahren in Elmshorn Zuhause. Jetzt sollen sie sich trennen.

Die drei volljährigen Kinder dürfen bleiben, die drei kleinen sollen mit ihren Eltern zurück in den Libanon - in ein gefährliches Krisengebiet

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28. September 2012, 08:01 Uhr

Elmshorn | Eigentlich sind sie von Amts wegen schon weg. In Deutschland, ihrer Heimat, nicht mehr existent. Am 13. September hätte sich die eine Hälfte der achtköpfigen Familie Chafi bereits für die Ausreise fertig machen sollen. Mutter und Vater Chafi sowie die drei minderjährigen Kinder im Alter von sechs, zehn und zwölf Jahren. So hat es das Bundesamt für Imigration beschlossen und so soll es der Kreis Pinneberg umsetzen. Die Abschiebung nach 18 Jahren. Sie hätten in einen Staat reisen sollen, aus dem die Eltern zwar stammen, vor dessen Besuch das Auswärtige Amt jedoch "nachdrücklich" warnt. Sie mögen also auf keinen Fall in ein Land fliegen, dass - wie jedermann aus den "Tagesthemen" weiß - derzeit nicht und wahrscheinlich auch nicht in Kürze zur Ruhe kommen wird. Erst der Bürgerkrieg, jetzt die Syrer. Das Land ist am Boden zerstört. Und es kann als lebensgefährlich bezeichnet werden.

Das weiß auch jeder Oberstufenschüler der Bismarckschule, wo sich eine Gymnasiastin derzeit nur schwer auf das anstehende Abitur vorbereiten kann. Denn sie soll damit leben, demnächst ohne ihre Eltern und - was noch viel schlimmer ist - ohne ihre kleinen Geschwister zu leben. "Das geht vom Herzen her überhaupt nicht. Wir haben all die Jahre auf engstem Raum zusammengelebt und tun es bis heute. Und zwar harmonisch", sagt der 24-jährige Maschinenbau-Student Alaa Edin Chafi, ältester Sohn des Abdul Cader Chafi (48). Seit kurzem hätten seine Eltern zwar eine etwas größere Wohnung, doch über zwei Dekaden lang musste man zuerst zu fünft, später zu acht mit drei Zimmern, verteilt auf 75 Quadratmeter, in der Elmshorner Gerber straße auskommen.

Wer nun glaubt, der Sohn spreche für den Vater, weil er es auf deutsch nicht könne, irrt. Seit etwa einem Jahr, nachdem Abdul Cader Chafi endlich eine Arbeitsgenehmigung bekommen hat, arbeitet er als Buchbinder bei Xerox. "Ich stelle in kleiner Auflage Fach-, Schul- und Handbücher her", erklärt das Familienoberhaupt, für das es immer das Schlimmste gewesen sei, "nicht arbeiten zu dürfen". Deswegen habe er sieben Jahre lang als Ehrenamtlicher "in Vollzeit, aber ohne Bezahlung" für die Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Not, "Die Burg - Frischlinge e.V." am Rethfelder Ring gearbeitet.

"Auch deshalb, weil ich das ekelhafte Gefühl loswerden wollte, Geld zu bekommen, obwohl ich dafür nicht arbeite", fügt Chafi in klarstem Deutsch hinzu. 340 Euro Sozialhilfe plus Wohnkosten, zwei Erwachsene, sechs Kinder - und davon schaffen drei das Abitur. Denn der ein Jahr jüngere Bruder von Alaa Edin Chafi, Adnan (23), studiert ebenfalls. Verfahrentechnik. Nebenbei betreibt er in Elmshorn gewerblich eine kleine Werkstatt für Smartphones.

"Dass die Familie es unter diesen Umständen soweit gebracht hat, ist bewundernswert. Auch deswegen werden wir alles tun, um die Härtekommission zu einem Umlenken zu bewegen", sagt Ludger Fischer, Leiter des Diakonievereins Migration in Pinneberg, der die Familie betreut. Es werde schnell ein neues Anschreiben geben. Denn die Zeit dränge. In zehn Tagen spätestens, schätzt Fischer, werde die erneute Aufforderung kommen, "die Sachen zu packen". Ohne erneuten Aufschub. Bei der bisherigen Entscheidung der Härtekommission sei immer wieder betont worden, dass es an der konsequenten Verweigerungshaltung der Eheleute Chafi gelegen habe, die geforderten libanesischen Pässe zu besorgen.

Doch daran habe die Botschaft natürlich kein Interesse gehabt. "Schließlich war Herr Chafi Flüchtling", klärt Fischer die Verzögerung auf. Und er fügt hinzu: "Während die neue Landesregierung in Sonntagsreden eine großzügige Bleiberechtsregelung fordert, beschließt sie im Hinterzimmer Abschiebungen von Familien mit langjährigen Aufenthalt."

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