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Fachkräftemangel: "Politik ist in der Pflicht"

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Interview: Der gebürtige Elmshorner Hartmut Thomsen sitzt an der Spitze des Software-Giganten SAP / Ohne Fachkräfte sind seine Visionen nicht umsetzbar

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Elmshorn | Jahrelang war Siemens unangefochten das wertvollste Unternehmen im Deutschen Aktien Index DAX. Klammheimlich ist aber der IT-Gigant SAP vorbeigezogen. Mehr als 70 Milliarden Euro sind die Aktien des IT-Spezialisten heute wert. Liegt damit heute kurz hinter Volkswagen - der neuen Nummer eins. SAP - der weltweit führende Anbieter von Unternehmenssoftware ist auf Wachstumskurs - mit Hilfe aus Elmshorn. Denn: Seit Mitte 2012 ist der gebürtige Elmshorner Hartmut Thomsen Geschäftsführer von SAP Deutschland. Als Managing Director möchte Thomsen die "alte Tante SAP" noch schlagfertiger aufstellen als es die mehr als 65 000 Mitarbeiter bereits sind. Die EN befragten den Karrieremann zu Möglichkeiten und Zielen im Land des Fachkräftemangels.

EN: Sie sind in Elmshorn geboren und hier in der Region aufgewachsen. Wo war das? Haben Sie noch Erinnerungen an die Zeit hier?

Hartmut Thomsen: Stimmt - geboren wurde ich in Elmshorn. Aufgewachsen bin ich jedoch im 20 Kilometer entfernten Ort Kremperheide. Mein Abitur habe ich in Itzehoe an der Auguste-Viktoria-Schule gemacht. Ich erinnere mich sehr gerne an die Menschen, die ich dort während meiner Kindheit und Jugend kennengelernt habe. Sie haben mich auch ein Stück weit geprägt - die direkte und offene Art habe ich beibehalten.

Warum zog es Sie zum Studieren nach Frankfurt?

Ich wäre sehr gerne im Norden geblieben und wollte eigentlich in Hamburg studieren. Allerdings hat die ZVS (Anm.d.Red.: Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) mir einen Studienplatz in Frankfurt am Main zugeteilt. Auch heute lebe ich noch in der Mainmetropole, zusammen mit meiner Frau und unseren drei Kindern.

Verfolgen Sie Geschehnisse im Norden?

Ein Teil meiner Verwandtschaft wohnt noch in Elmshorn, wodurch eine Verbindung bestehen geblieben ist. Wenn ich meine Eltern in Kremperheide besuche, fahre ich außerdem immer durch Elmshorn hindurch und freue mich über die tolle Entwicklung der Stadt.

Sie haben nach dem Studium eine beeindruckende Karriere gemacht. Was zeichnet Sie aus? Was waren und sind die entscheidenden Grundlagen für Ihren Erfolg?

Ich bin von Natur aus sehr neugierig und möchte immer dazu lernen. Das hat mir sicherlich während meiner Karriere geholfen. Außerdem waren die Unternehmen, bei denen ich bisher gearbeitet habe, fast alle sehr zielorientiert; da war es wichtig, sich auf die wirklich wesentlichen Dinge zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen. So habe ich gelernt, zielstrebig und willensstark zu sein. Auch diese Eigenschaften haben bestimmt dafür gesorgt, dass ich heute in dieser Position bin.

Sie sind jetzt gut ein Jahr auf Ihrem neuen Posten. Was waren die größten Herausforderungen in der Zeit?

In meinen ersten Monaten als Geschäftsführer der SAP Deutschland war es mir wichtig, viel über unsere Kunden und ihre unternehmerischen Herausforderungen zu erfahren. Und natürlich auch über ihre Erwartungen an uns. Auf diesem Wissen wollen wir nun aufbauen. Wir möchten noch enger mit unseren Kunden zusammenarbeiten, um sie bestmöglich zu unterstützen. Die Entscheidungsprozesse innerhalb der SAP waren mir ebenfalls von Anfang an ein wichtiges Thema. Denn wir stehen im Wettbewerb mit vielen kleineren Unternehmen, die entsprechend kürzere Entscheidungsprozesse haben. Deswegen haben wir zum Beispiel Beratung und Vertrieb enger miteinander verbunden - damit wir schneller reagieren können.

Die Financial Times Deutschland bezeichnete in einem Artikel "Deutsche SAP-Berater als Exportschlager". Sie sagten dazu: "Ganz ehrlich, wir leben in Deutschland innerhalb von Europa auf einer Insel der Glückseligen." Ist das nach wie vor so? Oder kriselt die Wirtschaft in Deutschland?

Natürlich bemerken auch wir, wie volatil (Anm.d.Red.: schwankend, veränderlich) das Marktumfeld ist. Zudem haben wir in Deutschland einen sehr gesättigten Markt. Trotzdem: wir haben es geschafft, weiter zu wachsen - weil unsere Kunden trotz der wirtschaftlichen Unsicherheiten weiterhin in IT-Lösungen investieren. Denn vor allem die Nutzung von neuen, innovativen Technologien wie Cloud Computing oder mobile Lösungen kann ihnen dabei helfen, weitere Geschäftsfelder zu erschließen. Auf diese Weise können strategische IT-Investitionen zur langfristigen Steigerung des Unternehmenswertes beitragen.

Aber gerade weil das Umfeld so instabil ist, ist es für viele Unternehmen ebenfalls wichtig, dass ihre bisherigen IT-Investitionen sicher sind. Hier ist SAP ein starker Partner.

Anderes Thema: Fachkräftemangel. Sie sagten neulich: Wir haben in Deutschland ein unglaubliches Know-how und ein sehr tiefes Industriewissen. Dennoch fehlen auf breiter Ebene qualifizierte Mitarbeiter. Wie kann Deutschland das Problem lösen?

Laut Prognosen des Branchenverbands BITKOM wird die Informations- und Telekommunikationstechnologie-Branche (ITK) dank guter Wirtschaftslage im Jahr 2013 mehr als 900 000 Jobs anbieten. Gleichzeitig geht aus dem MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor, dass immer mehr Abiturienten ein Fach in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) studieren. Nahmen im Jahr 2000 noch knapp 112 000 junge Leute ein solches Studium auf, so waren es 2012 bereits mehr als 190 000. In der ITK-Branche hat sich die Lage also etwas entspannt - von Entwarnung kann aber noch keine Rede sein. So ist zum Beispiel ein weiteres Ergebnis des Reports, dass ausländische Fachkräfte Deutschland immer noch als schwer zugänglich wahrnehmen. Hier wäre die Politik in der Pflicht, die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen.

Am SAP-Firmensitz Walldorf hat Ihr Unternehmen in den vergangenen Jahren mehr als 560 junge Menschen im Rahmen eines Dualen Studiums oder einer Lehre ausgebildet. Ist solch eine Ausbildungsform für Sie der richtige Weg, sich breit zu formieren und selbst für eine qualifizierte Belegschaft vorzusorgen?

Die Rekrutierung, Qualifizierung und Bindung von Fachkräften ist grundsätzlich eine der wesentlichen Säulen unseres Personalmanagements. Es ist uns ein Anliegen, Mitarbeiter nicht nur anfänglich für uns zu begeistern, sondern auch langfristig zu halten und zu fördern. Die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter - lebenslanges Lernen - hat für SAP oberste Priorität: Jeder Mensch will wachsen; individuelle Talente und Fähigkeiten sollten weiterentwickelt werden. Bei SAP entwickeln wir hochkomplexe Produkte - hierfür brauchen wir die besten Mitarbeiter. Auf diesen Mitarbeitern fußt unsere Innovationskraft und letztendlich auch unser Unternehmenserfolg.

Die Vision der SAP ist es, die Abläufe in der Wirtschaft nachhaltig zu verbessern. Ohne das Fachwissen, das unsere Mitarbeiter mitbringen und durch verschiedene Trainings und Schulungen während ihrer Zeit bei uns ausbauen, könnten wir diese Vision nicht umsetzen. Deswegen ist es für uns sehr wichtig, unsere Mitarbeiter zu fördern und im Unternehmen zu halten.

Elmshorn hat eine breit aufgestellte Bildungslandschaft und mit der Nordakademie eine Hochschule. Sie berichteten im SAP-Newsroom von der Bedeutung des Heimatmarktes, der Innovationsbereitschaft der Unternehmen und was es heißt, ein deutsches IT-Unternehmen zu leiten. In Bezug auf den Fachkräftemangel in Deutschland, wie können Politik und Verwaltung die Wirtschaft unterstützen, um auch zukünftig dem Qualitätsmerkmal Made in Germany gerecht zu werden?

Wir setzen bei SAP auf eine enge Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik. Ein Beispiel dafür ist die E-Learning-Plattform "Academy Cube". Die Plattform hilft arbeitssuchenden Akademikern aus den MINT-Fächern dabei, sich wertvolles Wissen anzueignen und Kontakte zur Geschäftswelt zu knüpfen. Unter anderem ist SAP auch Partner der "Komm, mach MINT"-Initiative. Dies ist ein bundesweites Programm, das mehr junge Frauen für MINT-Berufe begeistern möchte und von der Bundesregierung unterstützt wird.

Was darf man von Ihnen in nächster Zeit noch an Innovationen erwarten? Welchen Traum verfolgen Sie?

Die IT-Branche wandelt sich gerade. In vielen Bereichen entstehen ganz neue Möglichkeiten - nicht zuletzt durch unsere Innovationen in den Bereichen Mobilität, Cloud Computing und In-Memory-Technologie. Keiner unserer Mitbewerber verfügt über ein so stark in die Zukunft gerichtetes Angebot. Zudem sind wir einer der wenigen Anbieter, der die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt. Wir haben uns in den vergangenen 41 Jahren immer wieder neu erfunden - und werden das auch in Zukunft dank unseren treuen Kunden, weitreichenden Innovationen und unseren großartigen Mitarbeitern weiter tun. Unser Ziel ist es, für jeden unserer Kunden einen größtmöglichen Nutzen zu erreichen. Daran arbeiten wir - jeden Tag.

Ich persönlich wünsche mir, dass SAP in unserem Heimatmarkt weiter als Wachstumstreiber präsent bleibt. Diese Erwartung stelle ich an mich, diese Erwartung wird aber auch an mich als Geschäftsführer herangetragen. Meine hoch motivierten Mitarbeiter machen mich zuversichtlich, dass wir das auch erreichen.

www.sap.de

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