Schleswig-Holstein Musik Festival : Erstes Konzert des Jahres: Ganz anders, aber richtig gut

Vielbeschäftigtes Solistenensemble: Die NDR Bigband auf der Bühne der Elmshorner Reithalle.
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Vielbeschäftigtes Solistenensemble: Die NDR Bigband auf der Bühne der Elmshorner Reithalle.

Erstes Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2015 in der Elmshorner Reithalle mit der NDR Bigband und Peter Urban.

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17. Juli 2015, 14:30 Uhr

Elmshorn | Es hat ein wenig gedauert. Die Musiker der NDR Bigband mussten bis zur zweiten Halbzeit warten, bevor sie Zeichen der Entspannung beim Publikum in der Reithalle entdeckten. Zu sehr hatten die Besucher die klassische Frontalsituation im Konzertsaal verinnerlicht. Dabei haben die Akteure auf der Bühne alles dafür getan, dass der erste Festival-Abend 2015 in Elmshorn am Mittwoch zum grenzenlos guten Ereignis wird – „Bigband goes classic“, eben. Aber keine Sorge, es hat hingehauen. Und warum: Weil gute Musik und gute Musiker immer zusammenfinden – und die Hörer es manchmal merken.

Zuerst aber, haben sich Viele erinnert. An Abende und halbe Nächte vor dem Radio, an die Überzeugungsarbeit, die der sprachfertige Moderator auf NDR 2 damals leistete, wenn er neue Bands und Trends vorstellte. Peter Urban (67) gehörte irgendwie zur Familie. Beim Festival-Konzert in der Reithalle war er Moderator und Sprecher. Urban übernahm den Part des Reporters, der über den „Karneval der Tiere“ berichtete – putzig und launig. Bigband-Chef Jörg Achim Keller und seine Musiker lieferten dazu den Soundtrack nach Camille Sain-Saëns. Ein munterer Auftakt, aber vielleicht doch eher etwas für die Nachmittagsvorstellung.

Was Duke Ellington aus Tschaikowskys Nußknacker-Suite gemacht hat, ist dagegen ganz und gar nichts für sonnige Gemüter. Das Original ist schon eine ausgesprochen sinnliche Angelegenheit, doch der „Duke“, und natürlich sein Arrangeur Billy Strayhorn, haben noch eine Ebene eingebaut: die unartig erotische. Alles ist Komponiert mit Respekt vor dem Original und überragender Kenntnis des musikalischen Materials – und es ist verdammt witzig.

Jetzt aber die Zweite Halbzeit. Der Saal war bereit. Auch deshalb, weil die 900 Besucher wohl ahnten, zu was die Bigband imstande sein würde, welchen Klangrausch sie entfachen könnte. Jörg Achim Keller hatte Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ – die russisch-romantische Programmmusik überhaupt – für seine Band arrangiert. Nah am Original wollte er bleiben und doch sehr charaktervolle und eigenständige Musik schreiben. Gelungen ist der Weg durch eine etwas andere Ausstellung, eine, die den Betrachter positiv beunruhigt.

Ausverkauft: 900 Besucher verfolgten das erste Festival-Konzert 2015 in der Reithalle. (Foto: Roolfs)
Ausverkauft: 900 Besucher verfolgten das erste Festival-Konzert 2015 in der Reithalle. (Foto: Roolfs)

Langsam, behutsam wandelt Keller Mussorgskys Klangkonzept vom Programm zum Projekt. Die fabelhaften Solisten, der Bigband (sie sind es alle) haben viel Raum, um ihre eigenen Bilder zu entwerfen.

Mussorgskys Musik ist zeitlos und variabel zugleich. Jörg Achim Keller hat sie eingefangen und so übersetzt, dass den Musikern seines Orchesters in Elmshorn eine wunderbare, aktuelle Interpretation gelang. Ganz Groß.

Genauso, wie die Siegfried-Paraphrase mit hinreißendem Solosaxophon, die Keller und Kollegen als Zugabe brachten. Sie war Beleg dafür, wie allgemeingültig Wagners Musik ist und warum sie deshalb immer funktioniert. – Irgendwie beruhigend.

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