Er sieht jeden Zug voraus

Harm Cording spielt immer noch viel Schach. Rechts ist der erste Wanderpokal zu sehen, den Cording in den 1950er-Jahren gewann.
Harm Cording spielt immer noch viel Schach. Rechts ist der erste Wanderpokal zu sehen, den Cording in den 1950er-Jahren gewann.

Schachmeister Harm Cording aus Elmshorn ist auch mit 81 Jahren immer noch einer der Besten am Brett

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02. Juni 2018, 16:49 Uhr

Seine eigenen Kinder habe er nie zum Spielen gedrängt, sagt Schachmeister Harm Cording. „Wenn man auf diesem Niveau spielt, wird man fanatisch, dann ist alles andere unwichtig.“

Auch mit 81 Jahren spielt der Elmshorner noch Wettkämpfe, allerdings „nur“ noch in der Landesliga. Wie er da vor seinem Schachbrett in seinem in maritimen Farben eingerichteten Wohnzimmer sitzt und von früheren Zeiten plaudert, sieht man ihm sein Alter nicht an. Damals trat Cording gegen die besten Spieler der Welt an, gewann in den 60ern mit seinem Team aus Solingen in der Mannschaftswertung dreimal die deutschen Meisterschaften und wurde in den 80ern mit dem Titel eines FIDE-Meisters der Internationalen Schachvereinigung geehrt. Er spielte im Team mit einem Ex-Weltmeister und trat gegen Weltmeisterschaftskandidaten an. In Elmshorn wurde Cording zweimal zum Sportler des Jahres erkoren, einmal 2009 und einmal 2012.

Körperlich gibt es beim Schach durchaus Parallelen zum körperlichen Leistungssport, das musste Cording am eigenen Leib erfahren, als er mit dem Intensivschach aufhörte. „In den 60er-Jahren habe ich bei Einzelwettkämpfen 14 Tage lang jeden Tag eine Partie von bis zu fünf Stunden gespielt“, erzählt Cording. „Danach bekam ich Kreislaufprobleme. Als ich damit zum Internisten ging, sagte er mir, ich müsse mit meinem Hochleistungssport aufhören, mein Herz sei zu groß. Ich habe ihn ausgelacht. Ich hatte als Jugendlicher immer ein schwaches Herz.“ Doch der nächste Arzt kam zum selben Ergebnis. „Offenbar sind 14 Tage extremes Schachspielen am Stück so anstrengend wie ein 10 000-Meterlauf“, erklärt Cording. „Mein Nervensystem war völlig überbeansprucht.“

Seine ersten Schachpartien spielte Cording schon zu Schulzeiten im niedersächsischen Oldenburg. „Ich bin ungefähr mit zwölf Jahren in die Schachgruppe eingetreten und war sofort begeistert“, erzählt er. „Ich habe schnell gemerkt, dass Schach etwas ist, das ich gut kann. Man braucht dafür sehr viel Logik, aber auch Intuition ist entscheidend.“ Im Teenager-Alter las Cording jedes Buch über Schach, das ihm in die Finger kam. Er analysierte berühmte Partien, lernte bekannte Züge auswendig. „Meine Eltern fanden meinen Fanatismus damals gar nicht gut“, erinnert sich Cording. „Ich glich mit dem Schach aus, dass ich in der Schule mit den Leuten nicht gut zurecht kam, konzentrierte mich mehr auf das Spiel, als auf den Unterrichtsstoff.“ Zum Üben musste er sich vor seinen Eltern im Garten verstecken, um nicht entdeckt zu werden.

1951 trat Cording in seinen ersten Schachclub ein, spielte Turniere, gewann erste Urkunden. 1955 wurde er in Oldenburg Stadtjugendmeister. „Wenn man so etwas erst einmal erreicht hat, wird man natürlich ehrgeizig“, sagt der 81-Jährige lächelnd. Als er nach dem Abitur zum Jurastudium nach Hamburg zog, blieb Schach sein Lebensmittelpunkt. „Ich habe Schach studiert und Jura gespielt.“ Mit seinem neuen Verein wurde er zweiter in den deutschen Mannschaftsmeisterschaften, parallel nahm er an Einzelturnieren teil, qualifizierte sich für die Endrunde der deutschen Einzelmeisterschaften. „Am Ende landete ich unter ,ferner liefen’ – aber diese Leistung machte mich bekannt.“ Die Schachgesellschaft Solingen, damals einer der ersten Schachvereine, der eine Art Profiliga mit aufgebaut hatte, warb Cording an. „Das war natürlich super, zum ersten Mal konnte ich mit Schach Geld verdienen“, sagt er.

1965 verdiente Cording mit acht Kämpfen im Jahr ungefähr 1200 Mark, mehr, als er während seiner Ausbildung zum Finanzbeamten, die er zusätzlich zum Studium begonnen hatte, im Monat verdiente. Dreimal gewann die Solinger Mannschaft mit Cording die deutschen Meisterschaften. Parallel unterrichtete er den Hamburger Geldadel, um sich sein Studium zu finanzieren. „Die meisten waren völlig unbegabt und haben nur zum Prestige gespielt“, sagt Cording. „Aber ich habe 50 Mark pro Stunde bekommen. Das war damals viel Geld.“

Er spielte auch Fernschach mit Spielern auf der ganzen Welt, schickte seine Spielzüge mit Postkarten nach Russland und in die USA. „Nach Russland brauchte eine Karte damals drei bis vier Wochen, da konnte ein Turnier schon einmal dauern.“ Von dort kamen damals die ganzen berühmten Spieler. Ein echtes Problem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, erinnert sich Cording: „Ab dem Moment wurde es für die Deutschen Spitzenspieler sehr schwer, vom Schach zu leben.“

Seit 1987 lebt Harm Cording in Elmshorn und arbeitete parallel in Hamburg bei der Finanzverwaltung. In seinem Team des Elmshorner Schachvereins ist er nur noch auf Platz sieben aufgestellt. „Aufgrund meines Alters“, erklärt Cording. „Auch die Jüngeren sollen eine Chance haben.“ Überhaupt sei es schwer, sich mit 81 noch in Wettbewerben mit den Jüngeren zu messen. „Die Konzentration lässt im Alter einfach nach. 30 ist fürs Schachspielen das ideale Alter, ab 40 baut man ab.“

In der Brücke Elmshorn, wo Cording neuerdings einmal in der Woche, freitags ab 14.30 Uhr, Schachunterricht gibt, hat er vor kurzem trotzdem beim Simultanschach gegen zwölf Gegner fast alle geschlagen. „Das ist nicht so schwer“, sagt er. „Man sieht immer das Brett vor sich.“ Ganz anders zu Zeiten seiner Ausbildung, als sich Cording die wöchentlichen Barzechen mit Spielen verdiente, bei denen er selbst das Brett nicht sehen durfte und alle Züge im Kopf machen musste. „Simultanschach ist dagegen ein echter Spaß“. Wer heute im Schach gut werden will, dem rät Cording, früh anzufangen, möglichst mit zwölf Jahren. „Und dann ist es wichtig, nicht aufzugeben. Man muss aus seinen Niederlagen lernen.“

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