Verzweifelter Hilferuf : Elmshorner kämpft um einen Arbeitsplatz

Frank Herzer kämpft um einen neuen Job.
Frank Herzer kämpft um einen neuen Job.

Der 55-jährige Frank Herzer hofft auf eine zweite Chance. Er hat eine Online-Petition an den Bürgermeister gestartet.

shz.de von
22. August 2018, 16:00 Uhr

Elmshorn | Gar keine Antwort. „Das ist manchmal noch schlimmer als eine Absage“, sagt Frank Herzer. Er sitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer. Die ergrauten Haare zu einem Zopf geflochten. Die Brille auf der Nase. Vor ihm der prall gefüllte Din-A4-Ordner, in den er fein säuberlich seine Bewerbungen geheftet hat – dahinter die Absagen. Mehr als 70 sind es inzwischen schon.

Teppich Kibek, Kölln-Flocken, das Futterhaus, die Lebenshilfe, das DRK, die Bäckerei und das Elektronikunternehmen. „Ich habe ganz Elmshorn durchforstet“, sagt er. Er hat gehofft, dass in dieser Stadt, in seiner Stadt, jemand der arbeiten will, auch Arbeit findet. In diesem Punkt hat sich Frank Herzer getäuscht. „Bin ich mit 55 schon zu alt?“ Ein Hauch Bitterkeit schwingt bei dieser Frage in seiner Stimme mit. Er fühlt sich nicht zu alt. Er wartet auf eine zweite Chance: „Es sollte doch möglich sein, einem intelligenten Menschen ohne Ausbildung eine Stelle zu beschaffen.“

Elmshorn: Jeder fünfte Arbeitslose ist älter als 55

Ende 2017 waren in Elmshorn laut Agentur für Arbeit 2195 Personen arbeitslos. 112 weniger als im Jahr  zuvor. „Das ist erfreulich. Aber bei den Älteren verzeichnen wir einen Anstieg der Arbeitslosen“, sagt Gerold  Melson von der Agentur für Arbeit. 459 Arbeitslose waren 2017 älter als 55 Jahre. Die Anzahl in dieser Altersklasse ist seit dem Jahr 2013 (307 Personen) kontinuierlich gestiegen. „In den Unternehmen setzen die Verantwortlichen auf ältere Arbeitnehmer, vor allem auf deren Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein“, betont Melson. Schwierig sei es aber oft, ab 55 plus einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Weniger leistungsfähig, öfter krank, eingeschränktere Mobilität und zu hohe Gehaltsvorstellungen: Das sind Vorurteile, mit denen die Generation ab 55 oft konfrontiert wird.

Positiv für den Arbeitsstandort Elmshorn: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist von 16.226 im Jahr 2013 auf 19.119 im Jahr 2017 gestiegen. Und dabei hat sich auch der Anteil der Beschäftigten über 55 Jahre erhöht – von 2735 auf 3905. 

 

28 Jahre hat der zweifache Familienvater als Verpacker im Versandhandel gearbeitet, 24 Jahre lang ist er jeden Morgen nach Hamburg gependelt. „Um 4.40 Uhr ging mein Zug von Elmshorn nach Altona. Dann ging’s weiter mit dem Bus nach Altenwerder. “ Seine Gärtnerlehre hatte der damals 17-Jährige abgebrochen, seinen Berufsweg hat er auch als Ungelernter gemacht.

Vorbei: Die Insolvenz seiner Firma hat ihm den Arbeitsplatz und ein großes Stück seines Lebens geraubt. „Dass ich ohne eigenes Verschulden arbeitslos geworden bin, interessiert doch keinen Menschen“, klagt der gebürtige Elmshorner. Zurzeit erhält er Arbeitslosengeld I. Er hat Panik davor, nach Hartz-IV abzurutschen, in ein tiefes Loch zu fallen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. „Die Arbeitslosigkeit hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Ungewöhnliche Wege

„Ich möchte eine Festanstellung“: Mit seiner Petition beschreitet Herzer ungewöhnliche Wege. Er wendet sich an die Stadt Elmshorn, an Bürgermeister Volker Hatje. „Ich halte ihn für einen kompetenten und sympathischen Menschen. Er hat Einfluss und Kontakte. Vielleicht kann er mir helfen.“ Herzer würde gern als Gärtner oder Helfer bei der Stadt arbeiten.

Aber auch andere Jobs übernehmen, die ihn wirklich interessieren: Küchenhelfer in einem vegetarischen oder veganen Restaurant, Tierpfleger, Begleiter für Senioren, Verpacker im Versandhandel, gärtnerische Tätigkeiten im Pflanzen-Center oder im Gewächshaus oder Mitarbeiter in einer Wohlfühl-Oase. Er holt sein Zertifikat als Aromatherapeut – ausgestellt von einem staatlich anerkannten Fernlehr-Institut. „Ich kann mir auch einen Quereinstieg in den Bereich Alten- und Krankenpflege vorstellen“, sagt Herzer.

Zuversichtlich

Mindestens 100 Unterschriften braucht er, damit seine Online-Petition an Hatje weitergeleitet wird. „Ich bin zuversichtlich, dass ich das schaffe.“ Zuversicht, die mag der Elmshorner noch nicht aufgeben, wenn er die Zeitungen und die vielen Jobportale im Netz nach Stelleninseraten durchsucht, wenn er sich auf Vorschläge der Agentur für Arbeit bei Unternehmen bewirbt.

55 Jahre alt – und dann schon zu alt für den Arbeitsmarkt in diesem Land? Das will Herzer so nicht akzeptieren. Er kämpft, um zu arbeiten.

Wer Frank Herzer bei seiner Petition unterstützen möchte, findet sie online unter www.change.org unter dem Suchbegriff: „Ich möchte eine Festanstellung“. Telefonisch ist Herzer unter der Nummer (04121) 25383 zu erreichen und per E-Mail an herzer-f@t-online.de. 
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