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Diskussion mit Wolfgang Streeck : Elmshorner Gesprächsabend über Demokratie und Kapitalismus

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Soziologe vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung zu Besuch in Elmshorn.

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2013 | 08:43 Uhr

Elmshorn | Mit "Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus" hat der Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, der Soziologe Wolfgang Streeck, ein Buch geschrieben, das erkennbar weit über den Kreis seiner Fachkollegen hinaus Beachtung findet. Wenige Wochen nach dem Erscheinen des Buches im März dieses Jahres, wird vom Suhrkamp-Verlag schon die dritte Auflage vorbereitet.

Für Reinhard Ueberhorst kommt dieser Erfolg nicht überraschend. Das Buch biete wissenschaftlich fundierte Analysen über Herausforderungen, die im selbstgefälligen Politikbetrieb verdrängt oder nicht wahrgenommen werden. Sie zu verstehen und in ihrer praktischen Bedeutung zu interpretieren, war das Ziel des Elmshorner Gesprächsabends mit dem Autor. Als Gesprächspartner hatte Ueberhorst Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, Manager, Gewerkschafter, Journalisten und Politiker eingeladen, um im kooperativen Gespräch das Anregungspotenzial des Streeckschen Buches zu erkunden.

Die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der reichen Demokratien, so Streeck, sei immer noch eine kapitalistische und deshalb, wenn überhaupt, nur mit einer Theorie des Kapitalismus’ zu verstehen. Streeck beschreibt, wie seit dem Ende der Wachstumsphase in den 1970er-Jahren Regierung erst durch Inflation, dann durch Staatsverschuldung, danach durch Deregulierung der Finanzmärkte und Entgrenzung der Privatverschuldung und heute durch Verstaatlichung der Verluste des Finanzsektors auf unser aller Kosten versucht haben, ein an seine Grenzen stoßendes Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikmodell jeweils für eine kurze Zeit zu stabilisieren - daher der Untertitel "Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus".

Der Soziologe hält es für falsch, von einem Wissenschaftler, der "ein Problem als solches beschreibt", auch zu fordern, dass er zusammen mit dessen Analyse gleich eine Lösung liefert. Das Problem als solches, dass Streeck in seinem Buch aufzeigt, liegt in dem prinzipiellen Spannungsverhältnis zwischen dem sozialen Leben einerseits und einer von Imperativen der Kapitalverwertung und Kapitalvermehrung beherrschten Ökonomie andererseits. Dieses Spannungsverhältnis, so Streeck, sei in der Nachkriegsformation des demokratischen Kapitalismus’ auf vielfältige und sich historisch weiter entfaltende Weise durch staatliche Politik vermittelt gewesen. Mit seinem Buch beschreibt Streeck einen "Prozess der Auflösung des demokratischen Kapitalismus’ der Nachkriegszeit". Damit geht es dem Autor um eine Einordnung der Ereignisse in einen größeren historisch-theoretischen Zusammenhang.

Reinhard Ueberhorst kann sich gut vorstellen, dass Streecks Buch in zehn Jahren einmal als das Werk gewürdigt wird, von dem die wichtigsten Impulse für eine Entwicklung gesellschaftlicher demokratischer Politikfähigkeit ausgegangen sind. Das sei eine optimistische Prog nose. So sie sich als falsch erweisen sollte, werden zukünftige Historiker das Werk zitieren, um anzusprechen, welche Herausforderung der Politikbetrieb im frühen 21. Jahrhundert ignoriert hat.

Auf dem Elmshorner Gesprächsabend wurde ausführlich diskutiert, wie die Streekschen Analysen genutzt werden können. Die grundsätzliche Haltung des Wissenschaftlers als Analytiker, nicht auch Lösungen für aufgezeigte Probleme liefern zu müssen, wurde in der Runde weithin akzeptiert und doch war das Gespräch fast durchgehend durch eine Abfolge von Ja-aber-Beiträgen geprägt, also durch kritische Einwände oder durch Überlegungen, wie die Streeckschen Überlegungen mit anderen zusammengeführt werden müssten, um ein gutes Verständnis der Entwicklungsaufgabe demokratischer gesellschaftlicher Politikfähigkeit zu gewinnen. Diskutiert wurde unter anderem über die folgenden Fragen: Können wir der Frühzeit der Bundesrepublik einen Gesellschaftsvertrag mit einer Friedensformel für einen Sozialkapitalismus zuschreiben, oder beschönigt dies den Kapitalismus jener Jahre? Ist es nicht falsch, den 50er- und 60er-Jahren ein positives Modell zuzuschreiben, wenn dies doch die Zeit war, in der Wirtschaftswachstum zu Lasten der Umwelt realisiert und es auch versäumt wurde, eine demokratische Technologiepolitik zu entwickeln, zum Beispiel im Bereich der Kernenergie?Einen längeren Bericht über die Diskussion und eine Nachbetrachtung über ihren Ertrag können Interessierte bei Reinhard Ueberhorst per E-Mail abfordern: ueberhorst.beratungsbuero@t-online.de.

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