zur Navigation springen

Serie: Gedenken nach 70 Jahren : Elmshorn: Eine Stadt in Trümmern

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

April 1945: Die Menschen an der Krückau leiden unter dem Krieg wie nie zuvor – und ein Ende ist immer noch nicht abzusehen

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2015 | 16:03 Uhr

Elmshorn | Vor 70 Jahren mussten die Elmshorner einen letzten grausamen Höhepunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Zweiten Weltkriegs erleben: Am 26. April 1945 forderte ein Bombenangriff mindestens 92 Opfer. Wie war die Anlage zu diesem Zeitpunkt an der Krückau, wie sah es nach dem Angriff aus?

Kalter Frühling in Elmshorn 1945: Die Stadt ist seit fast zwei Jahren zu einem erheblichen Teil durch Bombenangriffe zerstört. Viele Elmshorner Männer sind als Soldaten außerhalb der Stadt oder auch schon gefallen, trotzdem steigt die Bevölkerungszahl stetig: Flüchtlinge aus dem Osten sowie Ausgebombte aus Hamburg suchen Schutz in Elmshorn. In Zahlen: Die Bevölkerung wächst von Januar bis Ende Mai 1945, also in nur fünf Monaten, um fast 10.000 Menschen. Außerdem sind noch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Lagern untergebracht.

Nicht nur die Wohnungssituation ist sehr angespannt, auch die Versorgungslage ist extrem schlecht. Hinzu kommen Trauer und Angst, und auch in der Nacht zum Donnerstag, 26. April, fliegen unentwegt feindliche Bomber über die Stadt. Viele Menschen schlafen in Kellern, zumindest aber auf den Fluren inmitten der Häuser, weil sie dort mehr Schutz vor Bombensplittern haben. Morgens fallen dann auch in Elmshorn wieder Bomben. Der schwerste Angriff erfolgt zwischen 18 und 18.30 Uhr im Bereich Langelohe, Steindamm, Köllner Chaussee.

Die Propaganda in den Holsteiner Nachrichten spricht von der „Harburger Front“ und dem „Stellungskrieg vor den Toren Hamburgs“. Die Todesanzeigen aus Elmshorn in derselben Ausgabe geben ein Zeugnis über die schlechte Ernährungslage und medizinische Versorgung wider: Der zweijährige Siegfried starb „nach kurzer, schwerer Krankheit“, nur ein Jahr älter wurde das Flüchtlingskind Erika, und auch die 18-jährige Hildegard starb nach „kurzer, schwerer Krankheit“.

Die Lage ist nach dem Angriff vom 26. April noch schlechter. Abgesehen von den Opfern und dem Leid der Menschen werden innerhalb von wenigen Stunden auch 324 Personen obdachlos, was etwa 1,5 Prozent der damaligen Bevölkerung entspricht.

Nach einem undatierten Bericht des Elmshorner Polizeioberleutnant Willi Möller, sind bei den beiden Angriffen am 26. April 1945 auf Elmshorn 101 schwere und mittelschwere Bomben geworfen worden. Eine umfassende Schadensbilanz der Stadtverwaltung stammt aus dem Jahre 1949: Demnach sind an jenem Tag an der Köllner Chaussee 16 Wohnungen in sieben Gebäuden und auf Langelohe fünf Wohnungen in drei Gebäuden total zerstört worden. 27 Wohnungen wurden auf der Köllner Chaussee so stark zerstört, dass sie nur noch als „Ausbaufähige Ruinen“ galten. Auf Langelohe waren es in dieser Kategorie sechs Wohnungen in vier Gebäuden und auf dem Steindamm acht Wohnungen in drei Häusern. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass der Bereich Langelohe auch schon beim Bombenangriff im August 1943 Schaden genommen hatte.

Insgesamt lag laut Bericht aus der Elmshorner Kämmerei von 1949 der Wohnungsbestand in Elmshorn vor dem Krieg bei 5850. Beschädigt wurden davon mehr als 2500; als total zerstört gelten 361.

Weder die Opfer noch die Schäden veranlassen die deutschen Machthaber zu einer Wende. Im Gegenteil: Es wird unbeirrt der Endsieg heraufbeschworen und damit die Zivilbevölkerung weiter gefährdet, zumal Ende April die neue deutsche Hauptkampflinie entlang der Krückau von Elmshorn über Barmstedt nach Alvesloe verläuft und am südlichen Elmshorner Stadtrand Panzersperren und Verteidigungsposten auf- gebaut werden. Die Menschen leiden indes auch noch unter der Kälte: Am 30. April werden morgens nur zwei bis drei Grad Celsius gemessen, mittags vier Grad.

Heinrich Hinz, der an der Ecke Feldstraße/Beseler Straße wohnte, schrieb in sein Tagebuch am 26. April 1945: „Das war ein Morgengruß! Gerade war ich mit der Morgenwäsche gegen 7.15 Uhr fertig, da hörte ich, wie Flugzeuge im Gleitflug über unser Haus niedergingen, und gleich darauf fielen viele Bomben und Maschinen- und Flakfeuer folgten ratternd. Wieder galten die Bomben dem 7 Uhr nach Altona abfahrenden Zug. Ganz Elmshorn, soweit es noch ruhte, sprang aus den Federn.
Eben nach 19 Uhr erfolgten zwei Donnerschläge, denen bald weitere folgten. Bei den ersten Bombenabwürfen standen wir in unserem Innenflur, bei den zweiten warfen wir uns flach auf den Boden. In einer kleinen Pause eilten wir hinunter zum Luftschutzraum, wo die anderen Hausgenossen und sieben oder acht Fremde schon versammelt waren. Noch krachte es mehrmals, dann wird es still.“
Einen Tag später (27. April) eine erste Bilanz: „Im Haus ist nur ein kleines Bodenfenster zersplittert und herausgefallen. Ähnlich gering ist der Schaden in den Nachbarhäusern. Hinter der Firma Wagner ist ein Ölzug, der dort hielt, getroffen; eine dichte Qualmwolke, teilweise auch heller Feuerschein, hielt die ganze Nacht an. An der Bockelpromenade sind eine Anzahl Häuser zusammengestürzt; in der Königstraße sind nach dem Bahnhof zu fast sämtliche Fensterscheiben kaputt.
Besonders hart scheint die Gegend bei der Langeloher Schule getroffen zu sein. Man spricht von 30 Toten. In der Nacht, gegen 1 Uhr, legten wir uns gestiefelt und gespornt in vollem Einsatzgewand ins Bett bzw. auf die Chaiselongue. So haben wir die Nacht verbracht, bis wir durch einen Tiefflieger heute morgen geweckt wurden. Alle Hausgenossen waren verhältnismäßig ruhig; mehrere von ihnen haben die Nacht im Keller zugebracht.“
Erst zwei Tage nach dem Angriff vom 26. April wird dem Tagebuchschreiber bewusst, was geschehen war – vor allem auf Langelohe, obwohl nur etwa 1500 Meter von seiner Wohnung entfernt.
Hinz schreibt am 28. April: „Bei einem Rundgang Bockel- und Wrangelpromenade stellte ich fest, dass mehrere Bomben beim Bahnübergang zur Bockelpromenade auf den Bahnkörper gefallen waren. Wohl 100 fremde Arbeiter waren dort mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Die Häuser der Promenade sind zum Teil vollständig vernichtet, zum Teil stark beschädigt, Alleebäume gekappt.
Die schlimmsten Verwüstungen aber habe ich in Langelohe an der Kreuzung von Steindamm und Pinneberger Chaussee gesehen (heute Straße Langelohe, Anmerkung der Redaktion). Den Greuel der Verwüstung zu beschreiben und das Elend der Bewohner auszumalen, dazu müsste man viele Seiten füllen. Viele Tote dürften noch unter den Trümmern liegen. Man spricht von 60 bestellten Särgen, aber die dürften nicht ausreichen. 26 bis 28 Flugzeuge sollen den Angriff auf Elmshorn durchgeführt haben.“
Warum sich Hinz in der Stadt umsehen konnte schreibt er am 30. April: „Seit zwei Nächten und dem dazwischen liegenden Tag haben wir Ruhe vor Fliegern. Auch das kommt uns wohl angenehm, aber doch fast unheimlich vor.“
Hinz notiert  am letzten Tag des Monats: „Im April gab es 97- mal Kurzalarm mit 216,15 Stunden und 43-mal Fliegeralarm mit 48,10 Stunden.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen