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Zeitzeugen in Elmshorn : Einfühlsames Erzählcafé über die NS-Zeit

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Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Zeitzeugen tauschen Erinnerungen aus und sprechen über die Rolle der Kirche. Auch Erlebnisse zum Kriegsende wurden erörtert.

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2016 | 16:30 Uhr

Elmshorn | Es ist eine Wanderausstellung, die aufrührt und für Aufregung sorgt: Alles neu in der Kirche nach 1945? Oder hat der Geist des Dritten Reiches mancherorts überlebt? Parallel zu den Ausstellungswänden in der Stiftskirche, fand kürzlich im Gemeindehaus ein Erzähl-Café statt, in dem sich Zeitzeugen erinnern und austauschen konnten – über das Schweigen der Kirche, die späte und schleppende Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit, aber auch mit dem „lokalen“ Fenster zu Dr. Franz Lucas, dem sogenannten SS-Arzt von Elmshorn.

Unter Leitung von Pastor Willfrid Knees hatten sich 15 Gesprächspartner zusammengefunden. Einige, um nur schweigend zuzuhören, andere, um von eigenen Erinnerungen zu erzählen und zu verstehen. Die Fragestellungen lauteten: Wie sind die Kirchen im Norden mit der Last des Dritten Reichs umgegangen? Wie hat Elmshorn sich der Vergangenheit gestellt? Wie haben Sie den 8. Mai 1945 erlebt? Pastor Knees Eindruck: „Wir haben in einer Atmosphäre des Respekts einen regen Gedankenaustausch gehabt, nicht bewertend, nicht besserwisserisch oder verurteilend, sondern rücksichtsvoll.“

Vor allem die verschiedenen Seiten der Persönlichkeit von Dr. Lucas – den einige Anwesenden noch persönlich kannten – waren Thema. „Ich hatte bei ihm entbunden und war entsetzt, als ich hörte, dass er in Konzentrationslagern an der Ermordung von Menschen beteiligt war“, erzählt eine Frau aus Seeth-Ekholt. Sie und ihr Mann hatten den Arzt als kompetenten, einfühlsamen Menschen kennengelernt.

„Wie konnte er mit dieser Vergangenheit leben?“, fragen sie sich. Warum hat er nie darüber gesprochen? Wurde er durch die Umstände getrieben? Kann man den Stab über jemanden brechen, der vielleicht selbst erpressbares Opfer der infamen NS–Maschinerie war? Gibt es parallele Wahrnehmungen von ein und derselben Person? Fragen, die heute nicht mehr beantwortet werden können – und Fragen, die viele in der Nachkriegszeit nicht stellen konnten. Zu frisch waren die schrecklichen Erlebnisse, als das man darüber reden wollte, zu groß der Hunger nach Normalität und Frieden. Doch auch Erinnerungen, wie Elmshorner den 8. Mai 1945 erlebten, kamen im Erzählcafé auf den Tisch. Zum Beispiel an die durch Elmshorns Straßen fahrenden Panzer, deren englische Besatzung Bonbons an die Kinder verteilte. „Als die Soldaten ausstiegen, waren das gar keine Monster, sondern sahen wie Menschen aus“, erzählt ein Betroffener von seiner Erinnerung als kleiner Junge.

Viele der Gesprächsrundenteilnehmer (der älteste war 90 Jahre alt), besuchten im Anschluss noch einmal die Ausstellung in der Stiftskirche, die bis heute zu sehen ist. „Eine der Erkenntnisse aus diesen Gesprächen ist, dass es auch noch heute, Jahrzehnte nach Kriegsende, großen Bedarf gibt, über diese Zeit zu sprechen“, resümiert Willfrid Knees, der sich bei Interesse gern zu einem weiteren Erzählcafé treffen würde. Kontakt: Willfrid Knees, Telefon: 0175-4823098 oder per E-Mail: Willfrid.Knees@kk-rm.de.

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