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„Mir sin besoffe vör Glück...“ : Eine Elmshornerin in Köln - ein Selbstversuch

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Elmshorner Deerns feiern mit einer Gruppe von Kölsch Mädsche in der Hauptstadt des närrischen Treibens. EN-Redakteurin Uta Robbe wagt den Selbstversuch.

Köln | Sind Schleswig-Holsteiner beim Feiern wirklich so nordisch-steif wie ihnen nachgesagt wird? EN-Redakteurin Uta Robbe und ihre Freundin Ina Mühlenhaus haben es auf einen Selbstversuch ankommen lassen und reisten nach Köln zu einer Mädelssitzung. Motto der Kölnischen Karnevals-Gesellschaft  von 1945 (KKG): „Wenn mer uns Pänz sinn, sin mer vun de Söck“ (Wenn wir unsere Kinder sehen, sind wir von den Socken).

Bin das wirklich ich, die da auf dem Stuhl steht und lautstark Zugabe brüllt? Ich – die Karneval feiern eigentlich immer als rheinländischen Klamauk belächelt und abgewinkt habe? Meine Freundin Ina ist da schon anders gestrickt. Sie kennt die Bands und Büttenredner namentlich, ja, kann sogar Refrains  ihrer Lieder mitsingen. Aber ich? Doch schon nach den ersten Minuten in den schön dekorierten Sartory-Sälen packt mich die mitreißende Fröhlichkeit der Menschen um mich herum. Mir imponiert, dass alle Abläufe – vom Mantelabnehmen, der Tischzuweisung bis zum Getränke ordern – professionell-reibungslos und flott funktionieren.  Alle Frauen haben sich sorgfältig zurechtgemacht gemacht und freuen sich spürbar auf die „Mädelssitzung“.

Aus den Elmshorner Deerns wurden zwei „Kölsch Mädsche“.

Aus den Elmshorner Deerns wurden zwei „Kölsch Mädsche“.

Foto: Uta Robbe
 

Wir beiden Elmshorner Deerns durften uns einer Gruppe von „Kölsch Mädsche“ anschließen. Denn mit wem kann man besser Karneval feiern, als mit Frauen, die fest entschlossen sind, fünf Stunden lang die Sau durchs Dorf zu treiben? Besonders geehrt fühlen wir Nordlichter uns, als sich spontan einige Mitglieder des KKG-Vorstandes bereiterklären, für ein Gruppenbild zu posieren.

Im Saal selbst haben wir das Glück eine Tischreihe direkt vor der Bühne zu bekommen – am Schnüffelbalken sozusagen. Hier können wir alle Akteure hautnah erleben – auch wenn ich schon nach 15 Minuten das Gefühl habe, alles wie durch Watte zu hören, denn der Geräuschpegel ist enorm.

Die „Klüngelköpp“ geben unter Scheinwerfergeflacker und rhythmischen Trommeleinlagen mit „Mir sin us kölschem Holz un dodrop sin mer stolz“ einen ihrer Hits zum Besten. Der Saal gleicht einem brodelnden Hexenkessel und die Stimmung ist mal wieder kurz vor dem Siedepunkt – und auch ich bin begeistert dabei. Was kümmern mich meine Skepsis von zu Hause? Es ist toll hier. Hunderte von fantasievoll aufgebrezelten Frauen unterstützen textsicher Bands wie die Brings oder Höhner und bejubeln die temperamentvollen Beiträge der „StattGarde Colonia Ahoj“ – einer Männertanzgruppe mit rosa Wurzeln. Eindrucksvoll stellen die knackigen Burschen unter Beweis, dass „Hacke, Spitze“ nicht nur vom Frauenballett getanzt werden kann und schmeißen ihre Beine im Stile großer Revues der 1930-Jahre.  Als sie dann noch wie die „Chippendales“ ihre Jacken von muskulösen Oberkörpern reißen, flippen wir und all die Gewitterziegen, grün bestrumpften Erdbeeren, Ritterfräuleins und die englische Queen mit ihren Zwillingsschwestern vor der Bühne  aus. Wir singen, tanzen und schunkeln als gäbe es kein Morgen. „Kölle Alaaf“ krächzt Ina neben mir und schwenkt begeistert ein Papierfähnchen. Sie scheint schon heiser zu sein, doch ihre Augen strahlen mit der Bühnenbeleuchtung um die Wette.

„Mariechen danz“ heißt es gerade. Voller Bewunderung sehe ich der tollen Choreografie von Judith und ihrem Partner Pascal zu, die sie – wie alle Akteure auf der Bühne – auch bei der größten körperlichen Anstrengung mit einem strahlenden Lächeln absolvieren. Mir fällt ein, dass ich als Kind auch Tanzmariechen werden wollte,  weil ich die roten Stiefeletten so toll fand. Naja, heute gucke ich lieber zu, aber es bleibt keine Zeit für erinnerungsschwere Rückblicke. Schon wieder  heißt es Bühne frei für den nächsten Programmpunkt. Die Roadies arbeiten in atemberaubender Geschwindigkeit. Schnell zünden wir noch eine „Rakete“ für die „Kölsche Funke rut-wieß von 1823“ und ich schmetter begeistert mein „Helau“ Richtung Bühne. „Um Himmels willen“ – meine Tischnachbarin stößt mich in die Seite. „In Kölle sagen wir Alaaf. Für manche Sprüche wirst du hier gevierteilt, oder noch schlimmer: nach Düsseldorf geschickt…“

Kinder sind Thema des diesjährigen Karnevals in Köln.

Kinder sind Thema des diesjährigen Karnevals in Köln.

Foto: Uta Robbe
 

Fünf Stunden lang Aufstehen und Hinsetzen zur Begrüßung von Elferrat, Kölner Dreigestirn oder Büttenrednern wie Guido Cantz oder Bernd Stelter ist anstrengend. Mittlerweile sind unsere aufgemalten Sommersprossen verschmiert und Glitzersteinchen haben sich im ganzen Gesicht verteilt. Die Hände tun vom Klatschen weh, das Schellenarmband hat mein Handgelenk rot verfärbt. Mit der Getränkekarte fächeln wir uns Kühlung zu, richten rutschende Haarreifen und erfrischen uns mit Sekt (teuer!) und Selter (günstig). „Morgen haben wir bestimmt Muskelkater“, schreit mir Ina ins Ohr. Aber wen kratzt das heute? Die Kölsche Fröhlichkeit ist nun mal schweißtreibend.  „Mir sin besoffe vör Glück, weil et dat alles nur in Kölle jit“ intonieren die Brings. Recht haben sie und wieder springen wir fähnchenwedelnd auf, fordern lautstark Zugabe und bekommen sie.

Nächstes Jahr sind wir wieder dabei, denn auch Nordlichter wissen gute Veranstaltungen zu schätzen und können feiern. Mir hann Spaß jehabt! Alaaf von der Krückau an den Rhein!

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erstellt am 13.Feb.2017 | 16:00 Uhr

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