zur Navigation springen

Haydn-Orchester im Saalbau : Ein Trip auf dem „Ozeandampfer“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Das Haydn-Orchester Hamburg begeisterte in Elmshorn mit Bruckner und Bach.

Elmshorn | Es ist schon beeindruckend, was aus drei einzelnen Noten entstehen kann. Die erste erklingt kaum hörbar, leicht flirren die Violinen, dann erklingt die große Terz heller, deutlicher, aber immer noch so, als würde sie gerade aus dem Nichts kommen. Und auf diesen beiden Noten entspinnt sich ein großer Melodiebogen in den morbiden, tiefen Klängen der Celli. So erklingt Bruckners 7. Symphonie am vergangenen Sonnabend im Saalbau Elmshorn, gespielt von den Musikerinnen und Musikern des Haydn-Orchesters Hamburg unter Leitung von Rida Murtada.

Doch dieser Abend ist ganz anders als die zahlreichen „klassischen“ Konzerte mit großen Symphonien. Denn Laie, Profi, Musikliebhaber kommen in den Genuss einer einmaligen musikwissenschaftlichen Einführung von Sabine Lange. Musikwissenschaftliche Einführungen haben ja immer so ihre Tücken, denn der musiktheoretische Kontext ist meist komplex und so trocken gestaltet.

Doch diese ist anders. Während Sabine Lange eigentlich noch erklärt, wie sich nun dieses erste Thema, bestehend aus zunächst drei simplen Noten, von einem fröhlicheren, tänzerischen Thema ablösen lässt, spielt das Orchester dieses direkt einmal vor, noch bevor die eigentliche Symphonie erklingt. Wow, ja, das macht Sinn, denkt man sich nun. Klar, hört man, dass im vierten Satz das Thema rhythmisch augmentiert (verlängert) von den Violinen wieder aufgegriffen wird, aber wenn man nun zufällig kein absolutes Gehör hat, das auch nach einer Stunde noch hellwach ist oder die Partitur mit sich trägt, werden diese Ähnlichkeiten doch eher im Unterbewussten verarbeitet.

Sabine Lange und Rida Murtada holen zusammen das Unterbewusste in das Bewusste und führen so authentisch sympathisch vor, welches thematische Beziehungsgeflecht sich durch die Instrumente, Stimmen, Lautstärke und Artikulation der 7. Symphonie zieht. Für Rida Murtada ist Bruckners Werk ein riesiger „Ozeandampfer“, auf dem er das Publikum mitnehmen möchte, für Sabine Lange eine große Kathedrale aus verschiedensten Baumaterialien. Und so wartet man, ausgestattet mit jeder Menge Vorwissen und Anekdoten aus Bruckners Leben auf die große Symphonie.

Konzertmeisterin Friederike Bruhn, Oboe Olga Singer waren Solistinnen des bach-Konzerts.
Konzertmeisterin Friederike Bruhn, Oboe Olga Singer waren Solistinnen des bach-Konzerts. Foto: Laura Kalbow
 

Ah ja, da erklingen sie wieder: Grundton, Terz, Quinte – das bereits bekannte Thema in E-Dur. Murtada dirigiert seine Musiker mit ganz viel Gefühl und sehr viel Leichtigkeit durch die schwierigen Tücken der thematischen Beziehungen von tragisch und lieblich, traurig und tänzerisch – Beziehungen sind ja nie ganz einfach. Dass da ab und zu mal der Einsatz nicht ganz sauber ist, die Terz und Quinte in manchen Dreiklängen nach rechts und links spazieren gehen und die Blechbläser auf Kriegsfuß mit tiefen Tönen stehen, tut dem Ganzen keinen Abbruch. Man spürt den Geist und die Seele hinter der Musik. Von pianissimo bis zu fortissimo, von pizzicato zu legato spielt sich das Orchester in einen symphonischen Rausch – ach, Augen zu und genießen dank Saalbau-Akustik und tollen Musikern. Wer braucht schon die Elbphilharmonie? Bruckners Siebte glänzt an diesem Abend, funkelt und strahlt wie tanzende Paare in schillernden Roben.

Irgendwie ist nur nicht ganz klar, warum Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert für Violine (Friederike Bruhn) und Oboe (Olga Singer) das Vorprogramm darstellt – man ist doch von dieser mächtigen Symphonie so erschlagen und benommen, dass man sich an die süßen, tanzenden Töne und wunderbar ausgespielten Melodien der Bachschen Virtuosität kaum zu erinnern vermag. Aber auf der anderen Seite haben musikalische Ausflüge in das frühe 18. Jahrhundert auch noch nie geschadet. Was für eine beeindruckende Frühlingssymphonie, man kann den Herbst nun kaum erwarten. Das Herbstprogramm des Orchesters erklingt am Freitag, 17. November 2017 im Saalbau. Gespielt werden Werke von Händel, Mozart und Ravel.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen