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Die Bahnhofsmission : Ein Seismograph der Gesellschaft

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Ehrenamtler helfen Leuten, denen das Gepäck gestohlen wurde und Flüchtlingen, die am falschen Ort gestrandet sind.

Elmshorn | „Im Herbst 2014 ist ein junges syrisches Paar mit zwei Kindern hier gestrandet“, erzählt Ingo Rodenhagen. Die Familie sollte in eine Aufnahmeeinrichtung nach Horst – allerdings nicht ins hiesige Horst in Holstein, sondern nach Horst bei Boizenburg. „Ich habe die kleinen Kinder mit den großen Augen gesehen“, dieses Bild blieb bei Rodenhagen lebendig. Er setzte alle Hebel in Bewegung, ließ im Reisezentrum die nötigen Fahrkarten ausstellen, verständigte die Kollegen bei der Bahnhofsmission in Hamburg und setzte die Syrer in den richtigen Zug.

Fast ein Jahr später stand die Familie wieder vor Rodenhagen an dessen Einsatzstelle im Elmshorner Bahnhof. Sie wohnten mittlerweile in Eutin und waren gekommen, um sich bei dem Mitarbeiter der Bahnhofsmission zu bedanken. „Das ist es wert, dass man hier arbeitet“, findet Ingo Rodenhagen.

Seine ehrenamtliche Dienststelle, die Elmshorner Bahnhofsmission, ist Anlaufstelle für Menschen mit allen möglichen Problemen. Fahrkarte verloren, Kinder auf einem anderen Bahnhof vergessen, Gepäck gestohlen, Hilfe für Rollstuhlfahrer beim Umsteigen, Koffer in den Zug tragen und immer wieder Fahrplanauskünfte, das sind Standardsituationen für die zwölf Elmshorner Helfer in den blauen Jacken.

Am Sonnabend luden sie am bundesweiten „Tag der Bahnhofsmission“ zum Tag der offenen Tür. Träger der Elmshorner Einrichtung ist die Diakonie des Kirchenkreises Rantzau/Münsterdorf. Chefin ist mit einer halben bezahlten Stelle Wiebke Turkat, ihr offizieller Titel lautet: „Fachbereichsleiterin Bahnhofsmission und Winternotprogramm“.

Das Winterprogramm für Obdachlose gehört seit zwei Jahren zum Aufgabenbereich der Mission. Gerd Reßke war der erste, der davon profitierte. Er lebte in Elmshorn auf den Straßen und in den Parks; morgens kam er in den Bahnhof zum Frühstücken. „Bis es kälter wurde“, erzählt er. Dann bot Wiebke Turkat ihm ein Winterquartier an. Reßke nahm an, mit Hilfe der Diakonie fand er später eine „sehr schöne Wohnung“. Inzwischen arbeitet Reßke selbst ehrenamtlich in der Bahnhofsmission mit.

„Wir fühlen uns gesendet an diesen Ort, um Menschen zu helfen“, beschreibt Michael Martischus die Motivation der Ehrenamtler. Seine Bank schickte ihn in den Vorruhestand. Das war „erst Urlaub, dann Loch“, sagt er – bis er 2007 über einen Zeitungsartikel darauf aufmerksam wurde, dass in Elmshorn eine Bahnhofsmission eröffnet werden sollte. Dort fand er „eine sinnstiftende Aufgabe“, er ist dabei, seit die Station am 1. Dezember 2007 ihre Türen öffnete.

„Hoffnung geben, wo Menschen leben“ lautet das Motto des bundesweiten Tags der Bahnhofsmissionen. Die deutsche Bahnstiftung hat den Elmshornern zu diesem Anlass 500 Euro gespendet, für das Geld haben sie sich einen großen Aufsteller samt Plakat gegönnt. Seit wenigen Monaten weisen Schilder schon an der Außenwand des Elmshorner Bahnhofs auf die Mission im Inneren des Gebäudes hin.
Ihr Büro bekommen die Helfer von der Bahn gestellt. Im Gegenzug helfen sie im Bahn-Alltag. Wenn Rollstuhlfahrer in Elmshorn umsteigen, wird die Mission vorab von der Bahn informiert. Neben die eigentlichen „Hilfe im Reiseverkehr“ tritt immer mehr Sozialarbeit, berichtet Leiterin Wiebke Turkat: „Die Bahnhofsmission ist ein Seismograf der Gesellschaft.“ Für diese Arbeit ist das Wichtigste der Kaffee, der immer bereit steht. Er gibt erste Wärme und Geborgenheit, dann folgen die Gespräche. Die sind nicht immer einfach: „Pöbeleien gehören zum Bahnhof“, sagt Turkat, Vandalismus auch, erst am Vortag wurde die große Scheibe am Büro der Mission eingeschlagen.

Auf den Umgang mit Menschen unter Stress werden die ehrenamtlichen Mitarbeiter gründlich vorbereitet. Wer mitmachen will, absolviert zunächst einen Schnupperkurs, dann folgt ein halbes Jahr Probezeit und anschließend zwei Grundkurse. Schließlich werden die Mitarbeiter eingesegnet – aber Mitgliedschaft in der Kirche ist keine Voraussetzung. Jeder Ehrenamtler übernimmt pro Woche zwei Schichten à vier Stunden, in jeder Schicht sind zwei Mitarbeiter. Ingo Rodenhagen fasst zusammen, was sie alle bei der Bahnhofsmission hält: „die Nächstenliebe, die ich praktiziere“.

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