Dichter am Ball : Ein Präzisionssport früher ohne Präzision

Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.
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Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.

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02. Januar 2018, 17:56 Uhr

Zwei offensichtlich übergewichtige und in allen Facetten als unsportlich zu betrachtende Männer mit mutmaßlichem Gastronomiehintergrund stehen abwechselnd vor einer felgengroßen Scheibe aus Presspappe mit unterschiedlich angeordneten Segmenten und schmeißen drei Pfeile auf selbige. Beide Herren tragen dunkle Anzughosen und übergroße, bunte Hemden und versuchen durch Treffen bestimmter Felder auf dieser Scheibe eine Punktzahl von 501 mit so wenigen Würfen wie möglich auf null zu bringen. Meister des Faches schaffen das in wenigen Minuten und häufig mit nur zwölf Würfen oder weniger. Der Schweiß rinnt ihnen von ihren teils lichten Köpfen über speckige Nacken in den Kragen. Es ist die Weltmeisterschaft im Pfeilewerfen und vor allem ein einziger riesengroßer, schriller Zinnober mit viel lauter Musik, Bier aus Plastikbechern und großbusigen Frauen in kleinem Glitzerfummel.

Der unwirkliche Bums findet in einer riesigen Halle auf einer Bühne statt und davor lärmt eine paartausendköpfige Horde trinkfester, zum Teil schwachsinnig verkleideter Halbgescheiter jenseits der Fahrtüchtigkeit. Mit mehr oder eher minder Aufmerksamkeit für das Geschehen. Früher war Pfeilewerfen ein simpler Zeitvertreib in der Kneipe, wenn man keine Lust oder aussprachlich bedingt Schwierigkeiten hatte, mit dem Tresenvolk ein Gespräch zu führen. Heute ist Darts ein medial gehypter sogenannter Präzisionssport, der um Weihnachten und Silvester stundenlang im Fernsehen läuft und als weltbewegender Megaevent abgefeiert wird.

Auch ich hab früher oft die Pfeile geworfen. Stundenlang. In einer Kneipe bei uns im Dorf hing eine Dartscheibe und wir benötigten fast den ganzen Abend um wenigstens einmal die 501 Punkte korrekt herunterzuspielen. Wenn der Wirt nach Mitternacht in unsere Richtung das letzte Spiel ansagte, weil er bald schließen wollte, konterten wir postwendend, dass es immer noch das erste Spiel wäre und er sich nicht so anstellen solle. Denn schließlich schwindet im Laufe des Abends doch schon mal die Präzision überhaupt die nähere Peripherie der Scheibe zu treffen und niemanden der anderen Gäste durch unkontrollierte Würfe zu verletzten. Als zweites Handicap kam besonders für mich die Schwierigkeit beim arithmetischen Denken hinzu, mit zusammengekniffenen Augen und leeren Gedanken subtrahierte ich mühevoll die erzielten Punkte. Deswegen rann der Schweiß auch bei mir, aber ein Präzisionssport war es nicht – und die Frauen im Glitzerfummel fehlten auch.

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