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Besuch auf dem Jüdischen Friedhof : Ein Platz für die Ewigkeit

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Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

An jedem ersten Sonntag im Monat steht der Friedhof nachmittags zur Besichtigung offen, eine Mitarbeiterin des Industriemuseums steht dann für Erklärungen zur Verfügung.

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erstellt am 04.Mai.2016 | 16:01 Uhr

Elmshorn | Rieke Philipp, geborene Hertz, starb in Elmshorn am 8. Mai im Jahre 5670. Auf ihrem Grabstein steht gleich daneben ihr Todesjahr in christlicher Zählung: 1910. Rieke Philipp war Jüdin, der jüdische Kalender zählt die Jahre ab der Erschaffung der Welt laut Bibel. Sie lebte im christlichen Norddeutschland, Elmshorn beherbergte eine der wenigen jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins. Unter dem Nazi-Regime wurden die Elmshorner Juden vertrieben oder ermordet, aber ihr Friedhof existiert noch. An jedem ersten Sonntag im Monat steht er nachmittags zur Besichtigung offen, eine Mitarbeiterin des Industriemuseums steht dann für Erklärungen zur Verfügung.

Jüdischer Friedhof Elmshorn, Feldstraße 42, geöffnet von Mai bis September an jedem ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr; Führung jeweils um 14.30 Uhr.

„Ich habe noch nie den jüdischen Friedhof in Elmshorn wahrgenommen“, das wollte Helga Smits aus Uetersen am vergangenen Sonntag ändern: „Es interessiert mich einfach.“ Nach einem Rundgang über das Gelände bilanzierte sie: „Ein jüdischer Friedhof unterscheidet sich von einem weltlichen, hier herrscht eine andere Atmosphäre“.

Die ersten Grabsteine wurden hier 1685 gesetzt, im Jahr, als die jüdische Gemeinde in Elmshorn gegründet wurde. Laut jüdischem Ritus besitzen sie ewige Bestandsgarantie, die Gräber dürfen nicht aufgelöst werden. Und so finden sich Steine und Platten aus Jahrhunderten auf dem Gelände neben der katholischen Kirche, einige Grabmale bestehen nur noch aus verwitterten Brocken. Die auffälligen Steine kommen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Der jüngste stammt von 1939; danach wurden hier keine Juden mehr beigesetzt, die Lebenden hatten in der NS-Zeit damit zu tun, am Leben zu bleiben. Erst 2003 wurde wieder eine jüdische Gemeinde in Elmshorn gegründet.

1906 wurde die Friedhofshalle an der Feldstraße gebaut, 1990 renoviert. Um 2000 erstellte das Industriemuseum eine Dokumentation über das jüdische Leben in Elmshorn und den Friedhof. Die neun großen Tafeln hängen heute in der Friedhofshalle, die inzwischen samt Friedhof Außenstelle des Museums ist. Für weitere Auskünfte stand Museumspädagogin Karen Buchholz bereit, um 14.30 Uhr lud sie zur Führung.

Jüdische Geschichte lässt sich in Deutschland nicht erzählen, ohne das Auslöschen fast des gesamten jüdischen Lebens in der NS-Diktatur zu erwähnen. Aber es gibt auch kleine Wunder, von einem berichtet Buchholz. Ein Elmshorner Stadtrat fragte im November 1935 beim Hamburger Rabbi an, ob der jüdische Friedhof an der Feldstraße aufgelöst werden könne. Das religiöse Gutachten verbot die Auflösung und verwies auf die ewige Grabesruhe. Mit Erfolg: Der Friedhof überstand die Nazi-Zeit.

Museumspädagogin Karen Buchholz erläuterte den jüdischen Friedhof Elmshorn.
Museumspädagogin Karen Buchholz erläuterte den jüdischen Friedhof Elmshorn. Foto: Roolfs
 

Dass es ihn noch gibt, das wusste der Elmshorner Rüdiger Grimm schon länger: „immer für zehn Minuten, wenn ich daran vorbeifahre.“ Am vergangenen Sonntag nutzte er die Gelegenheit, sich dort umzusehen und zu informieren. „Gegen das Vergessen“ bezog er damit Stellung.

Die ältesten Grabsteine sind hebräisch beschriftet. Auf jüngeren finden sich hebräische neben lateinischen Lettern, später sind Namen, Daten und Sprüche nur noch mit lateinischen Buchstaben gesetzt. Die Juden integrierten sich immer tiefer in Elmshorn. Der Lederhändler Louis Mendel zum Beispiel wurde 1900 zum Ehrenmitglied des EMTV ernannt, mit der Rote-Kreuz-Medaille ausgezeichnet und machte bei der Freiwilligen Feuerwehr mit. Derart anerkannt in ihrer Gemeinde, ahnten viele Juden die tödliche Gefahr durch die Nazis zu spät. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ihre eigenen Vereins- oder Feuerwehrkameraden Freundschaften auf Regierungsbefehl verrieten.

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