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Elmshorn : Ein Pflegemodell mit Vorbildcharakter

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Nele Krupski und Jan-Christian Heins können im neuen Quartier am Henry-Dunant-Ring trotz ihrer Behinderungen selbstbestimmt leben.

Elmshorn | Es ist ein fröhlicher Kreis, der sich im weihnachtlich geschmückten Gemeinschaftsraum des sogenannten Kernhauses versammelt hat. Gelacht und erzählt wird viel, während Sabine Gawlick mit sieben jungen Bewohnern des Hauses den Essensplan für die kommende Woche bespricht. Am Sonntag soll es Pizza geben, aber unbedingt mit der leckeren Knoblauchsauce von Betreuungsassistentin Iwona Piklak. Für das Knoblauch-Schneiden meldet sich Jan-Christian Heins freiwillig. „Meine Mutter ist Köchin, das Koch-Talent habe ich von ihr“, erzählt er mit einem breiten Lächeln.

Gäbe es Elmshorns neues Vorzeige-Wohnprojekt, das Wohnquartier am Henry-Dunant-Ring, nicht, müsste der 25-Jährige vermutlich in einem Wohnheim oder in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. Denn ebenso wie die anderen fünfzehn jungen Menschen des Vereins Selbstbestimmtes Wohnen, die im Kernhaus wohnen, lebt er mit einer Behinderung – Jan-Christian Heins ist querschnittsgelähmt und leidet auch unter einer leichten geistigen Behinderung. „Ich will nichts gegen diese anderen Wohngruppen sagen“, erklärt er. „Aber hier kann ich mich in meinen eigenen Raum zurückziehen und habe auch mit gesunden Menschen Kontakt – zum Beispiel beim Glühweintrinken letzte Woche.“

In den 226 Wohneinheiten im Henry-Dunant-Ring leben Menschen mit und ohne Behinderung nebeneinander. Die Besonderheit: Die Paritätische Pflege Schleswig-Holstein ist direkt vor Ort und an 365 Tagen für die Menschen da. Die Mitarbeiter kümmern sich nicht nur um die Bewohner des Kernhauses, von denen viele mit einer Behinderung leben, sondern auch um ältere Menschen, die Hilfe beim Einkaufen oder Waschen brauchen. Die einzelnen Leistungen können je nach Bedarf eingekauft werden. Dadurch sollen die Menschen trotz Beeinträchtigungen durch Alter oder Krankheiten in der Lage sein, selbstbestimmt in eigenen Wohnungen zu leben.

Initiiert hat das Projekt der Verein Selbstbestimmtes Wohnen. Hier haben sich vor allem Eltern von Menschen mit Behinderung vor fünf Jahren zusammengeschlossen, um ihren Kindern dieses Leben zu ermöglichen. Allen voran hat Beate Krupski das Projekt ins Leben gerufen und das Bauunternehmen Semmelhaack und die Pflege SH an einen Tisch gebracht. Inzwischen arbeitet sie selber für den Pflegedienst.

Die Menschen sollen zusammenwachsen

Als Quartiersmanagerin ist Beate Krupski dafür zuständig, dass alle Menschen am Henry-Dunant-Ring zusammenwachsen – sei es mit oder ohne Behinderung. Krupski geht häufig durch die Wohnanlage und spricht mit den Leuten. Sie organisiert Walking-Gruppen, einen Kaffeetreff, Spielenachmittage, Vorlesestunden und Filmabende, damit die Menschen untereinander in Kontakt kommen. Zwei Ehrenamtliche bauen gerade eine Bücherei aus abgelegten Büchern auf. „Vor allem die älteren Damen und Herren haben viel Freude daran, mit unseren Kindern Zeit zu verbringen“, erzählt Krupski, deren Tochter Nele im Kernhaus lebt. Einigen Bewohnern werde es manchmal sogar zu viel. Aber es gebe auch schon Kontakte mit jüngeren Nachbarn. „Ein junger Mann aus dem Haus gegenüber gibt Gitarrenunterricht, ein anderer kommt, um gemeinsam mit einem der gehandicapten jungen Männer Heavy Metal-Musik zu hören.

„Natürlich dauert es seine Zeit, bis sich alles eingespielt hat“, sagt Sebastian Schmieds, Regionalleiter der Pflege SH. Alle Angebote seien freiwillig. Wer wolle, kann am Henry-Dunant-Ring auch leben, wie in jeder anderen Wohnanlage auch. Der einzige Unterschied ist dann, das morgens und abends Rollstuhlfahrer durch die Anlage fahren und dass es vielleicht doch ein wenig mehr Feiern und Veranstaltungen gibt, als das in anderen Quartieren üblich ist.

Beate Krupskis Tochter, die 24-jährige Nele Krupski, sitzt jetzt mit den anderen Bewohnern im Gemeinschaftsraum und redet und lacht mit ihnen. Sie leidet unter der selben Behinderung wie Jan-Christian Heins und lebt inzwischen in ihrer eigenen, 50 Quadratmeter großen Wohnung mit rollstuhlgeeigneter Küche, nur ein paar Türen vom Gemeinschaftsraum entfernt. Ob sie mit den anderen essen will oder nicht, bleibt ihr selbst überlassen. Dreimal am Tag kocht eine „polnische Küchenfee “, wie es Sebastian Schmieds liebevoll ausdrückt, für die jungen Leute frisch, außerdem macht ein Sozialpädagoge sie fit für den Alltag, geht mit ihnen Einkaufen oder bringt ihnen das Kochen bei. Nele Krupski steht es frei, ob sie sich alleine zurückziehen, an Spielenachmittagen mit ihren Quartiers-Nachbarn teilnehmen oder Gäste zum Übernachten einladen möchte.

„Die beste Zeit meines Lebens“

„Ich kann nur sagen, dass hier die beste Zeit meines Lebens anfängt“, sagt sie. Vier Jahre lang habe sie in einem Wohnheim gelebt. „Dort gab es feste Regeln, ich hatte nur ein 13-Quadratmeter-Zimmer und mein Besuch musste immer um 22 Uhr gehen“, erzählt sie. „Außerdem waren die anderen Leute wesentlich schwerer behindert als ich. Da hatte ich kaum die Möglichkeit, mich mit ihnen auseinanderzusetzen.“ Tagsüber arbeitet Nele Krupski bei den Glückstätter Werkstätten und montiert Teile für Autogurte oder hilft im Büro. Auch dort haben die Mitarbeiter schon gemerkt, dass sich bei der jungen Frau etwas verändert hat. „Sie sagen, dass sie einen riesigen Schritt nach vorne gemacht hat und viel selbstbewusster geworden ist“, erzählt Krupski.

Seit ihre Tochter im September in den Henry-Dunant-Ring gezogen ist, habe Nele auch nicht mehr bei ihr übernachten wollen, „weil sie sich hier so wohlfühlt.“

Auf einem Tisch hinter Beate Krupski steht ein riesiges, überdimensionales Lebkuchenhaus, das die Bewohner des Kernhauses gebaut haben. „Nächstes Jahr machen wir dann vielleicht beim Lebkuchenhaus-Wettbewerb der Volksbank mit“, sagt Sabine Gawlick. „Dann gewinnen wir bestimmt, weil wir ganz viele Stimmen hier aus dem Quartier bekommen.“ Damit sich bis dahin auch alle kennen, plant der Pflegedienst eine große Silvesterparty mit allen Bewohnern des Henry-Dunant-Rings.

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erstellt am 15.Dez.2015 | 09:40 Uhr

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