Ein Leben ohne Abhängigkeit

Martin Schmidt ist der Vorsitzende des Ortsvereins des Blauen Kreuzes in Elmshorn.
Martin Schmidt ist der Vorsitzende des Ortsvereins des Blauen Kreuzes in Elmshorn.

Am Wochenende feiert das Elmshorner Blaue Kreuz seinen 40. Geburtstag / Der Verein hilft Menschen mit Suchtproblemen

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16. Juni 2018, 16:06 Uhr

Seit 40 Jahren unterstützt die christliche Organisation „Blaues Kreuz“ in Elmshorn Menschen mit einer Suchtproblematik. Das feiert der Verein am Sonntag mit einem Festgottesdienst. Im Gespräch erzählt der Vorsitzende Martin Schmidt aus Bokholt-Hanredder von der alltäglichen Arbeit. Der 67-jährige Rentner und ehemalige Bankangestellte hatte vor 28 Jahren selbst ein Suchtproblem.

Frage:Wie sieht ihre Arbeit ganz praktisch aus?

Martin Schmidt: Wir sind als Selbsthilfegruppe unterwegs und treffen uns montags in den Räumen der Gemeinschaft in der Evangelischen Kirche in der Feldstraße. Meistens sind wir knapp 30 Leute. Nach der Begrüßung teilen wir uns in kleinere Gesprächsgruppen auf. Menschen kommen mit einem Suchtproblem zu uns, wir versuchen, in Gesprächen Lebenssituationen zu meistern. Es geht nicht ständig um das Suchtmittel, sondern um normale Lebensfragen. Wir sind keine Therapieeinrichtung, bei uns steht der Austausch im Mittelpunkt.

Von welchem Suchtmittel sprechen wir?

Bei uns geht es vor allem um Alkohol. Gesellschaftlich wird viel über Cannabis, Glücksspiel oder illegale Drogen gesprochen, aber das größte Problem ist nach wie vor der Alkohol. Bundesweit sterben jedes Jahr 74 000 Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch, an illegalen Drogen sterben nur rund tausend Menschen.

Wie geraten Menschen in die Alkoholabhängigkeit?

Sucht ist eine Kommunikationskrankheit und ein Schrei der Seele. Der Betroffene leidet unter Defiziten und merkt irgendwann, dass ihm der Alkohol bei seinem Problem hilft. Im Laufe der Jahre muss er die Dosis aber immer weiter steigern – und kann dann nicht mehr aufhören.

Der Schritt, in die Selbsthilfegruppe zu gehen, ist groß. Wie kommen die Leute?

Ganz unterschiedlich. Einige kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda oder das Internet, andere werden von den Kliniken nach der Therapie zu uns geschickt. Nicht alle haben den Entzug schon hinter sich, wenn sie zu uns kommen. Andere werden von ihren Angehörigen hergebracht. Und es gibt natürlich eine große Schwellenangst. Wenn die Leute erstmal da sind, öffnet sich das Herz, dann ist alles kein Problem mehr. Aber das erste Mal hereinzukommen und sich zu outen, das ist schwierig.

Sie sind eine kirchliche Organisation. Haben die Menschen, die zu Ihnen kommen, oft einen Bezug zur Kirche?

Nein. Die kirchliche Organisationsstruktur ist durch die Ursprünge unseres Bundesverbands vor über 125 Jahren zu erklären. Viele, die zu uns kommen, glauben garnicht an Gott. Aber wer länger dabei ist, weiß, dass bei uns andere Werte dahinter stehen, als zum Beispiel bei den Anonymen Alkoholikern. Ich glaube, dass Jesus Christus uns befreien kann, nicht nur, indem wir die Flasche wegstellen, sondern auch, indem er uns unsere Schuld vergibt.

Wie lange bleiben die Leute im Durchschnitt bei Ihnen?

Es gibt Menschen, die schon fast 30 Jahre dabei sind, andere kommen zweimal und sind wieder weg. Aber viele sind mehrere Jahre da. Es geht dann nicht mehr um eine Notwendigkeit, die Leute fühlen sich wohl, es tut ihnen gut, sich über Lebensfragen auszutauschen. Abgesehen davon ist eine Heilung von der Sucht nicht möglich. Sobald man wieder zur Flasche greift, ist man fast da, wo man aufgehört hat. Man kann das stoppen, indem man darauf achtet, dass man abstinent lebt.

Kommen sowohl Männer als auch Frauen in gleichem Maße? Und wie alt sind Ihre Besucher?

Es sind fast 50 Prozent Frauen. Was das Alter betrifft, sind wir zwischen 28 und 78 Jahren alt. Obwohl der Altersdurchschnitt eher bei 60 liegt.

Welche Erfahrungen haben Ihre Gruppenleiter?

Wir haben im Blauen Kreuz ein relativ großes Seminarangebot. Es gibt die Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer und zum Gruppenleiter. Dazu kommen ergänzende Seminare. Wer sich bei uns engagiert, hat immer selbst Suchterfahrungen.

Sie waren selbst auch alkoholsüchtig. Wie haben Sie Ihren Weg zum Blauen Kreuz gefunden?

Als es bei mir mit der Sucht vor 28 Jahren eskalierte, hat mich eine Bekannte angesprochen, ich solle doch zum Blauen Kreuz gehen. Ich habe erst gesagt: „Den Laden mische ich jetzt auf.“ Aber dann wurde ich mit der Zeit ganz klein. Sowohl die Gespräche in der Gruppe als auch der Druck von der Familie und dem Arbeitgeber haben am Ende dazu geführt, dass ich eine Therapie gemacht habe. Seitdem lebe ich trocken.

Wollten Sie sofort auch anderen helfen?

Am Anfang war ich so motiviert, dass ich sofort jeden trocken legen wollte. Dann kam eine Talfahrt, ich habe gemerkt, dass ich erstmal meine eigenen Dinge ins Reine bringen musste. Die Flasche wegstellen, das ist relativ einfach. Aber sein Leben so zu gestalten, dass man seine Probleme ohne Suchtmittel lösen kann, das ist der Knackpunkt. Seit 20 Jahren bin ich Gruppenleiter, inzwischen auch im Bundesvorstand.

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