Biografie : Ein Leben, kurz aufgeschrieben

<p>Renate Steinbring ist heute 79 Jahre alt.</p>

Renate Steinbring ist heute 79 Jahre alt.

Flucht, Berufstätigkeit, Familienleben – das Leben der Elmshornerin Renate Steinbring zeigt, wie sich alles seit 70 Jahren verändert hat

shz.de von
11. Juli 2018, 00:00 Uhr

Die Wirren der Nachkriegszeit, der Wandel des Frauenbilds und neue technische Entwicklungen, die die Arbeitswelt umkrempelten – wer in den 1940er und 1950er Jahren aufgewachsen ist, hat sich einer sich ständig wandelnden Gesellschaft anpassen müssen. Das Leben der 1939 geborenen Elmshornerin Renate Steinbring ist nicht außergewöhnlich, aber es zeigt gut die Alltags-Veränderungen der vergangenen 73 Jahre.

Nach Elmshorn kam Renate Steinbring im Jahr  1945 im Alter von sechs Jahren mit ihrer Mutter, als Flüchtling aus Ostpreußen. Der Vater befand sich noch in russischer Kriegsgefangenschaft. „Ähnlich wie heute waren wir Flüchtlinge auch damals bei den meisten Einheimischen nicht gerade beliebt“, erzählt die heute 79-Jährige. „Zwar sprachen wir die deutsche Sprache, aber dafür mussten uns die Einheimischen in ihren Häusern aufnehmen.“ Jemanden dazu zu verpflichten, einen Flüchtling in seinem eigenen Haus aufzunehmen – heute unvorstellbar. In der Nachkriegszeit jedoch wurden die Menschen, die  aus Ostpreußen und Schlesien in den Westen geflohen waren, zunächst in einer Turnhalle der Bismarckschule untergebracht und dann auf Elmshorner Familien aufgeteilt. „Selbst eine Familie mit elf Kindern, die ohnehin zu wenig Platz hatte, musste damals Flüchtlinge aufnehmen“, erinnert sich Steinbring. Sie selbst hatte Glück, mit ihrer Mutter kam sie in der Villa einer wohlhabenden Elmshornerin in der Moltkestraße unter.

Die Schulzeit sei zu Anfang nicht einfach gewesen. „Alle Flüchtlingskinder wurden im ersten Jahr in eine separate Klasse in der Hafenschule gesteckt. Ich fand das schrecklich.“ Später wechselte Steinbring  auf die Realschule am Propstenfeld.  Grundsätzlich war in den 1950ern die Zahl der Abiturienten deutlich geringer als heute. Noch extremer war aber der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Im Geburtsjahrgang 1939 machten 16 Prozent der Männer und nur sechs Prozent der Frauen das Abitur. In den Jahrgängen zwischen 1970 und 1980 waren es jeweils 35 Prozent der Frauen und der Männer.

„Dass ich damals nicht aufs Gymnasium gehen durfte, macht mir bis heute zu schaffen“, sagt Steinbring. In der Grundschule war sie Klassenbeste, die Lehrerin versuchte mit aller Macht, ihre Eltern davon zu überzeugen, die Tochter aufs Gymnasium zu schicken. „Aber mein Vater, der inzwischen aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, sagte, das könnten wir uns nicht leisten“, erklärt Steinbring. „Damals gingen nur die Töchter von Ärzten oder Rechtsanwälten aufs Gymnasium.“

Im Alter von 14 Jahren machte Renate Steinbring ihren Schulabschluss und begann eine Lehre bei einem Elmshorner Rechtsanwalt und Notar. Doch das allein war der ehrgeizigen jungen Frau zu wenig. Sie belegte Kurse beim Elmshorner Stenografen-Verein. Die Kurzschrift faszinierte Steinbring. „Es war ein Hobby, das ich auch beruflich nutzen konnte. Beim Anwalt hieß es dann immer: Fräulein, bitte zum Diktat.“ Schriftsätze, Anklageschriften, Verträge – Steinbring schrieb jedes gesprochene Wort sofort mit und tippte die Inhalte fehlerfrei in die Schreibmaschine. Die Dokumente konnten sofort im Anschluss unterschrieben werden. Lange wurden Sekretärinnen mit Stenografiekenntnissen benötigt – bis irgendwann Diktiergeräte ihre Aufgaben übernahmen.

Steinbring gewann schon bald erste Steno-Wettbewerbe, wurde Kreismeisterin und bekam im Alter von 19 Jahren die goldene Ehrennadel für das Niederschreiben von 240 Silben in der Minute. „Bei Steno muss man das Schreiben ganz neu lernen“, erklärt Steinbring. „Jede Silbe hat ihr Symbol.“ Ihr Ziel war es damals, es als Stenotypistin in den Bundestag zu schaffen. „Es hieß, dafür müsse man 300 Silben schaffen. Das hätte ich hinbekommen“, ist sich die Elmshornerin sicher. Ein bisschen von der großen weiten Welt schnuppern konnte sie bereits Ende der 50er Jahre in der Kanzlei  Phillip und Schulz in Hamburg. „Dort ging Helmut Schmidt ein und aus“, erinnert sich Steinbring. „Meine Chefs sagten immer: Der wird mal Bundeskanzler. Ich dachte immer, die würden nur Blödsinn erzählen.“

Doch in den Bundestag hat es Renate Steinbring nie geschafft. Mit Mitte 20 lernte sie ihren Mann kennen, heiratete und bekam drei Kinder. „Wie das damals üblich war, hörte ich auf zu arbeiten“, sagt Steinbring. „Heute würde ich alles anders machen, würde mein Abitur machen, auf Jura oder Lehramt studieren und auch mit Kindern weiterarbeiten.“ Auch was das betrifft, haben sich die Zeiten geändert. Erst zehn Jahre später ging Steinbring wieder arbeiten, arbeitete als Protokollführerin im Amtsgericht. „Da kam mir das Steno natürlich wieder zu Gute“, sagt sie. Die Kurzschrift kann Steinbring heute noch. „Gedichte und Briefe schreibe ich in Steno vor.“ Inzwischen hat die 79-Jährige drei Enkel, ihr Ehemann ist verstorben. Einiges hat sich aber nicht verändert. „Mit meinem Häkelbüdel-Club und der Frauen-Kegelgruppe treffe ich mich immer noch regelmäßg – auch, wenn wir nicht mehr häkeln oder kegeln“, sagt Steinbring. „Aber wenn man 45 Jahre lang zusammen die Höhen und Tiefen des Lebens durchgemacht hat, kann man nicht einfach aufhören.“

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