Frauenempfang : Ein Elmshorner Empfang, der ganz den Frauen gehört

Die Historikerin Katrin Schmersahl sprach über Frauen in der Kunst.
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Die Historikerin Katrin Schmersahl sprach über Frauen in der Kunst.

150 Besucherinnen und eine handvoll Männer kamen ins Rathaus. Kunst als Themenschwerpunkt.

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29. Januar 2018, 12:30 Uhr

Elmshorn | Aus Sicht der Historikerin hat sich viel getan. Heute amüsiert sich das Publikum über „wissenschaftlich untermauerte Erkenntnisse“, dass Frauen ungeeignet seien für Erwerbsarbeit und dass die Genialität als Voraussetzung für künstlerisches Schaffen eine „rein männliche Eigenschaft“ ist. Oder, wie es ein Zeitgenosse um 1900 ausdrückte, der malende Frauen folgendermaßen abqualifizierte: „Die einen wollen heiraten, die anderen haben auch kein Talent“.

Dass Frauen heute die Begabung für die Kunst nicht mehr ernsthaft abgesprochen wird und dass ihre Werke gezeigt und gehandelt werden, das hat sich vor allem seit Ende der 1970-er Jahre entwickelt, daran erinnerte Katrin Schmersahl am Sonntag in Elmshorn. Die Hamburger Historikerin hielt als Gastrednerin den Vortrag zum Thema: „Frauen in der Kunst“ beim 32. Frauenempfang im Rathaus. Vor 120 Jahren, als deutsche Mediziner Frauen eindringlich vor den gesundheitlichen Folgen des Radfahrens warnten, sah das noch anders aus: „Die Künstlerinnen um 1900 hatten mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber es gab sie“. Am Beispiel der Malerin Ida Gerhardi zeichnete Schmersahl eine Künstlerinnen-Biografie dieser Zeit nach. Die gebürtige Lüdenscheiderin ging nach Paris, um ihr Talent zu entfalten; in Deutschland durften Frauen erst ab 1912 Universitäten besuchen und ab 1919 Kunstakademien.

100 Jahre später standen am Sonntag zwei sehr junge Frauen vor den rund 150 Besucherinnen – plus eine Handvoll Männer – und sangen selbstbewusst. „‘Survivor‘ hat uns ein bisschen an Frauenpower erinnert“, begründete die 14-jährige Kaya Schmidt ihre Wahl dieses Liedes. „Pendel“ von Yvonne Catterfield, das ist „ruhig, das war schön“, befand ihre Partnerin Irina Weizel, 11, über das zweite Lied ihres ersten Sets. Für ihren Mut zollte den beiden Elmshorns Gleichstellungsbeauftragte Heidi Basting Anerkennung.

Neuerungen beim Empfang

Basting, seit September im Amt, moderierte ihren ersten Elmshorner Frauenempfang. Der kam mit zwei Neuerungen daher: Die Kaffee- und Klönpause wurde mitten ins Programm gezogen, und die begleitende Ausstellung befindet sich nicht im Rathaus. Sie wurde schon am Freitag im Torhaus eröffnet: „35 Künstlerinnen der GEDOK Hamburg“; GEDOK ist ein Dachverein für Künstlerinnen aus Deutschland und Österreich.
„Mal ein bisschen aufheizen“ wollte Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje den Frauenempfang. Dafür zitierte er den Maler Georg Baselitz, der 2013 in einem Interview gesagt habe: „Frauen malen nicht so gut, das ist Fakt“. Dass weibliche Künstler nach wie vor diskriminiert werden, bestätigte auch Historikerin Schmersahl: „Frauen wurden später systematisch aus der Geschichte der Moderne ’rausgeschrieben“. Auch in jüngeren Ausstellungen tauchten Malerinnen nicht auf, die seinerzeit als Pionierinnen neue Kunstströmungen mit gestalteten.
Wassily Kandinsky als Erfinder der abstrakten Malerei? Viele Ideen habe er von der Malerin Marianne von Wewefkin übernommen, ohne sie zu nennen. Und die Schwedin „Hilma af Klint begann viele Jahre vor Kandinsky, abstrakt zu malen“, stellte Schmersahl klar.

Immerhin, in Elmshorn gibt es viel weibliche Kunst zu entdecken. Bürgermeister Hatje nannte Beispiele: eine Bronzeskulptur im Atrium des Rathauses von Karin Hertz, Werke im Skulpturengarten von Zuzanna Hlinakova, Anke Bunt und Ruth-Alice Kossnick. Ins Torhaus lud die weibliche Vorsitzende des Kunstvereins ein, Christel Storm. Die will gemeinsam mit der kuratierenden Künstlerin Sandra Havemeister und der Gleichstellungsbeauftragten Heidi Basting einen Stadtspaziergang auf den Spuren von Künstlerinnen veranstalten. Der Termin steht noch nicht fest, aber auf der ausliegenden Liste meldeten sich schon mal zwei Dutzend Interessentinnen für die Tour im Frühjahr an.

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