Ehemals Burg Schreckenstein

Noch unsaniert: Die Aufnahme von 1965 zeigt das Torhaus ohne den Treppenanbau.
Noch unsaniert: Die Aufnahme von 1965 zeigt das Torhaus ohne den Treppenanbau.

Ein Kleinod wird hundert Jahre: Ein Betrag zur wechselvollen Geschichte des Elmshorner Torhauses

shz.de von
15. Juni 2018, 16:40 Uhr

In Elmshorn verhält es sich wohl wie in jeder anderen Stadt: Es gibt schöne Ecken – und nicht so schöne. Aber dass ausgerechnet das Torhaus einmal zu den Orten letzterer Kategorie gehört haben soll, klingt nach heutigem Verständins fast unglaubwürdig. Doch es ist wahr: Burg Schreckenstein wurde das Haus einst genannt.

Am Sonnabend, 23. Juni, feiert das Torhaus seinen 100. Geburtstag. Mit einer Fotoausstellung, die Ernst-Gerhardt Scholz zusammengestellt hat, wird an die wechselvolle Geschichte des Gebäudes erinnert. Die Ausstellungsbilder reichen dabei zurück bis in die dänische Zeit um 1860.

Erbaut wurde das Torhaus von den Inhabern der Lederfabrik J. H. Strecker, die es als Verbindungsbau zwischen zwei Betriebsgebäuden nutzte, wie in den Beiträgen zur Elmshorner Geschichte, Band 8, von Bärbel Böhnke zu lesen ist. Nach dem Konkurs des Unternehmens um 1925 wurde das Gebäude von der Stadt übernommen und darin 54 Notquartiere für Obdachlose eingerichtet. Aus dieser Zeit stammt auch der Spitzname Burg Schreckenstein. So schrieb der damalige Bürgermeister Krumeck in einer amtlichen Mitteilung vom 8. Juli 1939: „Der Kampf gegen die Elendsquartiere hat zu großen Erfolgen geführt. Im Jahre 1938 sind von den 92 polizeimäßigen Notquartieren , die von der Stadt unterhalten wurden, insgesamt 54 eingegangen durch die Räumung der berüchtigten Burg Schreckenstein, die in naher Zukunft dem neuen Berufsschulgebäude Platz machen wird (...)“. Realisiert wurde die neue Schule nie.

Im März 1939 zog stattdessen die neugegründete Stadtbücherei in das Gebäude ein. Am 25. März las man dazu in den EN: „Die Eingangstür enthält eine würdige Holzschnitzerei. Über den in großen Buchstaben geschnitzten Worten ‚Stadtbücherei’ steht ein aufrechtes Buch, auf dessen Einband das Elmshorner Wappenschiff mit geblähten Segeln in eine glückhafte Zukunft fährt. Das Schiff ruht auf dem Symbol des Dritten Reiches, dem Hakenkreuz.“

Welches Ziel eine Bücherei unter dem Hakenkreuz hatte, zeigt sich in dem EN-Beitrag offen: „Eine gute Volksbücherei bedeutet praktische Kulturpolitik, das heißt, die Aufgabe der Volksbücherei ist eine politische Erziehungsarbeit. Der enge Begriff ‚politisch’ hat durch den Nationalsozialismus eine weite Bedeutung bekommen, ‚ausgerichtet an eine völkische Weltordnung’. Diese Ausrichtung erstreckt sich auf alle Bereiche des Lebens und gilt für alle Bereiche des Schrifttums – insbesondere für das Unterhaltungsschrifttum.“ Die Bücherei sollte damals die Bürger, insbesondere die Jugend, zu strammen Nationalsozialisten erziehen. In eine glückhafte Zukunft mündete diese Ideologie, wie bekannt, nicht. Dieses dunkle Kapitel der Torhausgeschichte wird aber abgelöst von einer sehr erfolgreichen Zeit.

Mehr dazu lesen Sie morgen im zweiten Teil.

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