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Wochenserie Inklusion : Dritter Teil: Begleiten und Ängste nehmen

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Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Schulbegleiter kümmern sich um Schüler, die alleine nicht die Schule besuchen können. Etwa 300 Schulbegleiter arbeiten im Kreis.

Elmshorn | Jeden Tag geht Petra Kruse* in die Schule. Sie sitzt neben dem 13-jährigen Tim* im Unterricht, unterstützt ihn beim Lernen und spielt mit ihm in den Pausen. „Ohne mich würde er die Schule gar nicht erst betreten“, erzählt Kruse. „Ich bin sein Puffer gegen die Außenwelt“.

Tim ist Autist und Kruse ist seine Schulbegleiterin. Sie ist bei der ambulanten Erziehungshilfe „Wegweiser“ angestellt und sorgt dafür, dass Tim trotz seiner Entwicklungsstörung am Unterricht teilnehmen kann. „Menschen mit Autismus leben wie auf einer Insel“, sagt Nicole Kolatke, Fallkoordinatorin beim Wegweiser. „In ihrer eigenen Welt fühlen sie sich sicher, aber sie haben Probleme, das Festland zu erreichen, wo wir ,Normalen’ leben.“ Tim hat Probleme, Ironie oder Scherze zu verstehen und legt viel Wert auf feste Tagesabläufe und Pünktlichkeit. Störungen im Unterricht kann er nicht ausblenden. Deshalb kommt er alleine im Unterricht nicht zurecht – obwohl er eigentlich sehr intelligent ist.

Seit dem Inklusionsbeschluss des Landes Schleswig-Holstein vor fünf Jahren besuchen immer mehr Schüler mit Förderbedarf Regelschulen, statt, wie zuvor, spezielle Förderschulen. Der Beruf des Schulbegleiters ist noch ziemlich jung und es gibt für ihn keine Arbeitsplatzbeschreibung. Etwa 300 Schulbegleiter gibt es mittlerweile im Kreis Pinneberg. Und jeder muss ganz individuell auf „seinen“ Schüler eingehen.

„Wir schauen immer, welchen Typ Mensch das jeweilige Kind benötigt“, erklärt Wegweiser-Inhaber Fürstenau. „Einige brauchen eine harte Hand, andere liebevolle Motivation.“ Es gibt Schulbegleiter für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen, mit Lernschwächen oder sozial-emotionalen Störungen. Betreut werden Schüler mit Aufmerksamkeitsdefizitstörungen und Traumata.

In der Regel ist es die Schule, die den Eltern rät, beim Jugendamt einen Schulbegleiter zu beantragen. Stellt ein Kinder- und Jugendpsychologe oder ein Amtsarzt den Anspruch auf einen Schulbegleiter fest, setzt sich das Jugendamt mit Trägern wie dem „Wegweiser“ in Verbindung. Schulbegleiter müssen keine pädagogische Ausbildung haben, die Voraussetzungen sind laut Kolatke „Lebenserfahrung, große Empathiefähigkeit und der Mut, ins kalte Wasser zu springen“. Außerdem ist ein einwandfreies Führungszeugnis Voraussetzung. „Ausgebildete Erzieher würden das Land deutlich mehr Geld kosten“, sagt Fürstenau. „Wir als Träger halten eine solche Ausbildung aber eigentlich für notwendig“, findet er.

Denn mit der Betreuung der Kinder während der Schulzeit hören die Aufgaben eines Schulbegleiters nicht auf. Sie müssen sich beispielsweise auch mit den Eltern auseinandersetzen. „Eltern sind ein spezielles Thema“, sagt Kolatke. „Bei manchen grenzt der Beschützerinstinkt an Kontrollwahn. Andere interessieren sich überhaupt nicht dafür, was der Schulbegleiter macht.“ Von den Lehrern würden Schulbegleiter in der Regel sehr positiv aufgenommen, berichtet Kolatke. „Da ein Schulbegleiter, anders als die Fachlehrer, in jeder Stunde bei der gleichen Klasse ist, entwickeln auch die anderen Schüler schnell Vertrauen zu ihm“, sagt sie. Weil der Einsatz von ausgebildeten Pädagogen als Schulbegleiter nicht möglich ist, bietet Wegweiser-Inhaber Fürstenau seinen Schulbegleitern zahlreiche Fortbildungsangebote an und steht seinen Mitarbeitern immer als Ansprechpartner zur Verfügung.

"Ihr Kind"

Viele Schulbegleiter entwickeln mit der Zeit ein enges, vertrauensvolles Verhältnis zu „ihrem“ Kind. Letztlich ist es aber die Aufgabe des Schulbetreuers, die Inklusions-Kinder zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen, sie auf das Leben vorzubereiten und zu verhindern, dass sie ohne den Schulbegleiter in ein Loch fallen. Irgendwann sitzen sie nicht mehr neben dem Kind, sondern hinten in der Klasse oder sie verlassen sogar auch mal den Raum. „Im Prinzip arbeite ich daran, überflüssig zu werden“, sagt Kruse. Nur dass das bei den Kindern mit sozial-emotionalen Störungen, die der „Wegweiser“ betreut, fast nie möglich ist. Sie sind meist auf Unterstützung angewiesen, wenn sie im „normalen“ Leben zurechtkommen wollen.

Ein Schulbegleiter braucht deshalb unendlich viel Geduld, muss sich über marginale Veränderungen freuen und den Blick auch mal nach hinten richten können, um diese überhaupt zu bemerken. Das geht auch Kruse so: „Früher hätte der Junge, den ich betreue, die Schule alleine überhaupt nicht betreten, inzwischen kann ich mich auch mal von ihm entfernen.“

Robert Fürstenau sieht große Probleme bei der Umsetzung des Inklusions-Konzepts. „Die Lehrkräfte sind oft überfordert, da sie für den Umgang mit Inklusions-Kindern nicht ausgebildet sind und snebenbei auch noch um 23 andere Kinder kümmern müssen. Außerdem werden die betroffenen Kinder häufig stigmatisiert und ausgegrenzt.“ In den Förderschulen hätten die Lehrer die Möglichkeit gehabt, die Schüler in kleinsten Gruppen auch auf lebenspraktische Aufgaben vorzubereiten. „Dafür ist jetzt gar kein Personal mehr da.“ Den Gedanken der Inklusion begrüßt Fürstenau grundsätzlich. Aber die Umsetzung sei mangelhaft. „Wenn die Politik Inklusion will, muss sie auch bereit sein, tief ins Portmonee zu greifen und darf kein Flickwerk betreiben.“ Schulbegleiter seien immerhin in der Lage, die Probleme ein wenig abzufedern. Deshalb sieht Fürstenau auch die Etablierung von Schulassistenten kritisch, die seit Anfang diesen Jahres in Grundschulen eingesetzt werden und nicht mehr für einzelne Schüler, sondern für ganze Klassen zuständig sind. Er befürchtet, dass wenige Schulassistenten in Zukunft viele Schulbegleiter ersetzen sollen, um Kosten einzusparen. Vom Land wird das bestritten. Jan Christian Erps vom Landkreistag Schleswig-Holstein erklärte etwa,  schwer behinderte Schüler würden weiterhin einen Schulbegleiter bewilligt bekommen. Veränderungen solle es aber bei Schülern mit Konzentrationsschwäche oder Lernbehinderung geben. Deren Betreuung sei originär pädagogische Arbeit und keine Behindertenbegleitung.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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erstellt am 13.Apr.2016 | 12:30 Uhr

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