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Elmshorn : Dreirad für Kranke? Die Kasse sagt nein

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Eine kranke Elmshornerin möchte ein Dreirad. Auch ihr Arzt befürwortet Bewegung. Die Krankenkasse erlaubt aber nur einen Elektroscooter.

Elmshorn | Die Elmshornerin Almut Siebel versteht die Welt nicht mehr: Sie ist krank, hat Probleme beim Laufen. Sie hätte deshalb gern ein Dreirad für Erwachsene, auch weil Bewegung für sie wichtig wäre. Das beurteilt ihr Arzt ebenso. Nicht aber ihre Krankenkasse. Die lehnt das Anschaffen eines Dreirads ab. Ein Fahrrad gehöre nicht zum sozio-kulturellen Umfeld eines Erwachsenen. Einen teuren Elektroscooter könnte die Elmshornerin hingegen bekommen.

2010 wurde Almut Siebel krank. Sie bekam Krebs. Die Chemotherapie stoppte zwar den Krebs, hatte aber Nebenwirkungen. Die Elmshornerin ist nicht mehr so gut zu Fuß. Ihr Herz ist geschwächt. Zudem ist ihre Feinmotorik eingeschränkt. Das Gehen fällt ihr nicht mehr so leicht.

Almut Siebel hat sich ihr Leben lang mit dem Fahrrad in Elmshorn fortbewegt. Einen Führerschein hat sie noch nie gehabt. Das wird nun zum Problem. Ihr wird beim schnelleren Fahren mit dem Rad manchmal schwarz vor Augen. Und auch beim abrupten Bremsen fällt es ihr schwer, das Gleichgewicht zu halten. „Ich nehme nur noch den kürzesten Weg zum Einkaufen oder zum Arztbesuch. Ich fahre nur noch so wenig wie möglich“, sagt sie.

In der Reha habe man ihr gesagt: Bewegung sei gut und wichtig, um weiter zu genesen. Dazu der Informationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: „Bleiben ältere Brustkrebspatientinnen nach ihrer Erkrankung stark übergewichtig und bewegen sie sich wenig, so scheint ihr Rückfallrisiko erhöht zu sein.“

Ihr Arzt, Johannes Puchner, unterstützt das ebenfalls: „Bewegung ist unglaublich wichtig für die Heilung.“ Die Lösung schien deshalb für Siebel und Puchner auf der Hand zu liegen: Ein Dreirad für Erwachsene, möglichst mit elektrischer Unterstützung: Siebel hätte Bewegung, würde aber nicht ständig Gefahr laufen mit dem Fahrrad umzufallen. Und notfalls gebe es Unterstützung per Elektromotor. So weit die Theorie. Doch die Praxis sieht anders aus. Die Krankenkasse machte nicht mit.

Das bestätigte Margarita Frank, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Techniker Krankenkasse im Gespräch mit unserer Zeitung: Das Bundessozialgericht habe mehrfach entschieden, dass eine gesetzliche Krankenkasse nur die Kosten für Gegenstände als Hilfsmittel übernehmen dürfe, die den Erfolg der Krankenbehandlung sicherten oder eine Behinderung ausglichen. Diese würden für die speziellen Bedürfnisse kranker oder behinderter Menschen hergestellt und ausschließlich oder überwiegend von diesem Personenkreis genutzt. „Diese Voraussetzungen erfüllt das Dreirad allerdings nicht“, so Margarita Frank.

Die Krankenkasse, so die Pressesprecherin weiter, müsse die elementaren Grundbedürfnisse der Versicherten sicherstellen, in diesem Falle wäre es „Gehen“. „Hier ist allerdings mit einem Fahrrad keine Kompensierung gegeben, da es eine andere Funktion hat (man fährt mit einem Fahrrad schneller als man gehen kann). Deswegen muss hier als Ausgleich der Gehbehinderung ein Basishilfsmittel gesucht werden, diese kann ein Elektroscooter sein, der mit einer Maximalgeschwindigkeit von 6 km/h ausgestattet ist (Fußgängergeschwindigkeit)“, so die Stellungnahme.

Mit anderen Worten: Einen Elektroscooter, der zudem viel teurer als ein Dreirad ist, könnte Almut Siebel bekommen. Ihr Elmshorner Arzt ist fassungslos: „Sie braucht Bewegung und deshalb braucht sie ein Dreirad und keinen Scooter.“ Ständig würden Menschen zur Reha geschickt, weil sie sich bewegen sollten. Und in diesem Fall werde einem Menschen diese Möglichkeit verwehrt. „Die Kassen sollten schnell umdenken“, meint Puchner.

Dass ihr Fall kein Einzelfall ist, weiß Siebel, seitdem sie versucht hat, auf eigene Kosten ein gebrauchtes Dreirad zu erwerben. „Alle Besitzer hatten sich die Dreiräder selbst gekauft, weil ihre Krankenkassen eine Bezahlung abgelehnt hätten“, berichtet sie. Doch das Geld, um sich auf eigene Kosten ein Dreirad anzuschaffen, hat sie nicht.

Almut Siebel ist ratlos. „Ich werde nun wohl weiter mit meinem Fahrrad rumwackeln, meistens schiebe ich es aber.“ Wäre Siebel ein Kind, hätte sie beste Chancen, ein Dreirad von ihrer Kasse zu bekommen. „Bei Kindern oder Jugendlichen mit Behinderungen, die kein handelsübliches Fahrrad nutzen können, übernehmen die Krankenkassen wiederum in der Regel die Kosten für ein Therapie-Dreirad, wenn sie sich so besser in ihr sozio-kulturelles Umfeld integrieren können (z.B. Fahrradfahren mit Freunden, ohne dass ein Erwachsener das Kind schieben muss)“, teilte Pressesprecherin Margarita Frank mit. Dumm gelaufen für Almut Siebel. Sie ist bereits 60 Jahre alt.

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erstellt am 31.Okt.2014 | 12:00 Uhr

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