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Ungeklärte Mordfälle in SH : Die Witwen-Mörder von Elmshorn

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im ehemaligen Elmshorner „Karstadt-Haus“ werden gleich zwei alleinstehende Rentnerinnen ermordet. Im Abstand von 14 Jahren. Beide Taten sind bis heute ungeklärt.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2015 | 17:18 Uhr

Elmshorn | Elmshorn, Holstenplatz. Ein Wohnblock aus den 60er-Jahren. Unten Restaurants und Geschäfte, darüber sieben Stockwerke. Kleine Wohnungen, viel Beton, wenig Licht und ein gut gemeinter blassroter Außenanstrich. Auf den Fluren links und rechts Türspione. So selbstverständlich wie Begegnungen mit Fremden in diesem Haus. Das ehemalige Karstadt-Gebäude mitten im Stadtzentrum von Elmshorn war im Abstand von 14 Jahren Schauplatz von gleich zwei ungeklärten tödlichen Verbrechen. Die Opfer in beiden Fällen: alleinstehende Witwen.

Die 84-jährige Frederike Walther fand ein Nachbar am 1. Oktober 1986 erdrosselt in ihrem Wohnzimmersessel im fünften Stock. Die gehbehinderte 89-jährige Ilse Baetke lag im Februar 2010 drei Tage gefesselt und hilflos in ihrer Badewanne im dritten Stock, nachdem sie zuvor überfallen und ausgeraubt worden war. Wenige Wochen später starb die Rentnerin an den Folgen ihrer Verletzungen. Besonders ungewöhnlich: die skrupellose Tat wurde von zwei Frauen verübt.

Der Fall Frederike Walther

Die Spurenlage im ersten Fall war nach den Worten von Hauptkommissar Marco Klein von der Mordkommission in Itzehoe zunächst dünn. Aufgrund ständig besserer technischer Analysemöglichkeiten sind die Fahnder inzwischen jedoch durchaus zuversichtlicher. Auch, wenn es nur eine einzige Augenzeugin gab, die damals schildern konnte, was sich am Abend des 30. September 1986 unmittelbar vor dem Mord an Friederike Walter zunächst im Stock unterhalb der Opfer-Wohnung abgespielt hatte. Auf dem Weg zu ihrer Wohnungstür war der Mieterin Christel B. um 17 Uhr ein Mann in einer großkarierten roten Holzfällerjacke begegnet. Der etwa 1,70 Meter große Unbekannte ging Richtung Fahrstuhl – stieg dann aber doch nicht ein.

„Ich war gerade in meiner Wohnung, als ich Schritte auf dem Flur hörte“, schildert die damals 46-Jährige. „Durch den Türspion erkannte ich ihn wieder – er hatte seinen Blick starr auf mein Namensschild gerichtet. Dann erlosch das Licht auf dem Flur und er ging.“ Eine halbe Stunde später klingelte es. „Und ich wusste: Er steht wieder genau vor meiner Tür“, sagte Christel B. Doch auf die Frage, wer dort sei, habe der Unbekannte nur mit Klopfen reagiert. „Ich sagte, ich öffne nicht, mehrmals – bis er schließlich ging.“

Hätte also auch Christel B. das Opfer des Raubmörders werden können? „Das ist reine Spekulation“, sagt Hauptkommissar Klein, „auch wenn dieser Unbekannte zweifellos ein Tatverdächtiger ist.“ Denn knapp eine Stunde nach ihrer Begegnung mit dem Mann in der Holzfäller-Jacke hört Christel B. aus dem Stockwerk über ihrer Wohnung erst einen Aufschrei, dann ein Poltern. Als es am nächsten Morgen nicht das geringste Lebenszeichen von der 84-Jährigen Nachbarin gibt, will ein anderer Nachbar nach dem Rechten sehen und bemerkt sofort die aufgebrochene Wohnungstür. Im Wohnzimmer dann die schreckliche Gewissheit: Frederike Walther sitzt in ihrem bunt gemusterten Nachthemd leblos im Sessel, in ihren grauen Haaren klebt Blut, auf der Brust hat sie ein Kissen und um ihren Hals ein Chiffon-Tuch, mit dem der Täter sie erdrosselt hat.

„Die gesamte Wohnung war durchwühlt und auf den Kopf gestellt“, sagt Klein, dessen Vorgänger und Kollegen damals fast 200 Spuren und Hinweisen in diesem Fall akribisch nachgingen. Auch wenn die Witwe mit ihrem erst ein Jahr zuvor verstorbenen Mann damals in eher bescheidenen Verhältnissen lebte, ganz arm war sie nicht, so Klein. So habe sie einen Tribünen-Stammplatz auf der Pferderennbahn gehabt und sei zu Lebzeiten ihres Mannes auch schon mal mit 10.000 D-Mark Wettprämie nach Hause gegangen. Die Höhe der Beute des Mörders konnten die Ermittler nie exakt beziffern – vermutlich mehrere tausend Mark – darunter auch eine große Sammlung von Fünf-Mark-Stücken. Aber weder die Münzsammlung noch Hinweise auf Personen, bei denen es sich um den „Holzfäller-Mann“ gehandelt haben könnte, brachten die Fahnder zum Erfolg. Alle Befragten hatten ein hieb- und stichfestes Alibi.

Der Fall Ilse Baetke

Weitaus vielsprechender – wenn auch nur auf den ersten Blick – hatten sich die Ermittlungen im Fall des Raubmordes an Ilse Baetke vor fünf Jahren entwickelt. Die 89-Jährige war am Vormittag des 12. Februar 2010 von zwei jungen Frauen an ihrer Haustür überrumpelt, gewürgt und gefesselt worden. Beide hatten sich als Boten des GLS-Paketdienstes ausgegeben und waren entsprechend gekleidet. Eine der Täterinnen hob kurz darauf 810 Euro vom Konto der Witwe bei der nahe gelegenen Elmshorner Sparkasse ab. Die Kamera des EC-Automaten hielt ein nur sehr schemenhaftes Bild einer jungen Frau mit schwarzer Mütze und großer Sonnenbrille fest. Ihre Komplizin hatte die Rentnerin so lange in der Wohnung in Schach gehalten, um sicher zu gehen, dass sie auch die richtige Geheimnummer der EC-Karte erfahren hatten. Dann raubten beide der alten Dame noch eine Reihe wertvoller Schmuck-Gegenstände und pferchten sie schließlich in der engen Wanne ihres kleinen Badezimmers ein.

Zwar konnte die 89-Jährige sich von ihren Handfesseln und ihrer Augenbinde befreien, war jedoch zu schwach, um sich selbst aus der Wanne zu ziehen oder nach Hilfe zu schreien. „Es grenzt schon an ein kleines Wunder, dass die alte Dame in ihrem hochgradig geschockten Zustand so lange ohne Essen und Trinken überlebte“, sagt Hauptkommissar Klein. Denn erst drei Tage nach dem Überfall hatte eine Freundin von Ilse Baetke Verdacht geschöpft und den Hausmeister alarmiert. Aufgrund der schweren körperlichen und seelischen Schäden verstarb die ehemalige Spielhallen-Aufseherin einige Wochen später in einem Pflegeheim.

Die fieberhaften Ermittlungen der Kripo Itzehoe führten bereits nach wenigen Monaten zu einer Festnahme. Der Fall hatte – nicht zuletzt durch die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst…“ bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Eine junge Deutsch-Türkin aus Elmshorn war aufgrund von belastenden Hinweisen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreises ins Visier der Fahnder geraten. Es kam zu einer Mord-Anklage und schließlich zum Prozess vor dem Landgericht Itzehoe. Der allerdings endete im September 2011 mit einem wenig überraschenden Freispruch.

Bei der Angeklagten handelte es sich zum einen nachweislich nicht um die Frau auf der Überwachungskamera, aber noch entscheidender war: Die ursprünglichen Belastungszeugen hatten ihre Aussagen vor Gericht nicht aufrecht erhalten. „Dementsprechend blieb am Ende selbst der Staatsanwaltschaft nichts anderes übrig als auf Freispruch zu plädieren“, erinnert sich Klein. Auch wenn viel dafür spricht, dass die wahren Täterinnen zumindest im Umfeld der damals 25-Jährigen zu suchen sind – der entscheidende Durchbruch ist der Kripo bis heute nicht geglückt.

Deshalb setzen die Beamten ihre Hoffnung unter anderem darauf, dass einige Stücke des gestohlenen Schmucks irgendwo wieder auftauchen und so Hinweise zu den wahren Schuldigen liefern.

 

Rätselhaft für die Polizei auch bis heute: Wie wurden die Täterinnen ausgerechnet auf Ilse Baetke aufmerksam? Die 89-Jährige galt, obwohl sie auf den Rollator angewiesen war, als äußerst unternehmungslustig. Hin und wieder besuchte die Rentnerin auch noch ihre alte Arbeitsstätte in einer Spielhalle. Die Polizei schließt nicht aus, dass dort jemand möglicherweise auf ihren Schmuck aufmerksam wurde.

Die beiden ungeklärten Verbrechen machen für Klein und seine Kollegen vor allem deutlich, wie wichtig gerade für alleinstehende Menschen neben guten Kontakten zu Nachbarn auch einfachste Sicherheitsvorkehrungen seien können. „Natürlich hat kaum jemand eine Chance gegen einen so perfiden Trick wie mit dem Paketdienst. Aber eine Kette vor der Tür als zweites Schloss ist immer ratsam – im Zweifel kann man sich auf diese Weise auch den Dienstausweis eines Paketfahrers zeigen lassen“, rät Klein. Hilfreich seien auch sogenannte Hausnotruf-Systeme mit Bestätigungstaste, die täglich zu einer bestimmten Zeit gedrückt werden muss. Geschehe dies nicht, werde Alarm ausgelöst. Bisweilen übernimmt sogar die Pflegekasse einen Teil der Kosten eines solchen Notruf-Systems.

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