zur Navigation springen

„Krähen und kein Ende?“ : Die SPD lud zum Stadtgespräch in Elsmhorn ein

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Wut über fliegende Plagegeister - die anwesenden Bürger diskutierten lautstark im Kollegiumssaal.

Elmshorn | „Die Nahrungsgrundlage ist das Entscheidende“, stellte Hans Helmut Dürnberg, Vorsitzender der Elmshorner Ortsgruppe des Naturschutzbunds (Nabu) klar: Wo es genug zu fressen gibt, siedelt sich eine Tierart gern an. „Das Angebot hat sich in Elmshorns Umgebung offenbar massiv verbessert.“ Jedenfalls für eine Tierart, die als vom Aussterben gefährdet in der Roten Liste geführt wird: die Saatkrähe. „Die Krähe profitiert vom Nährstoffeintrag auf der Fläche“, führte Dürnberg aus: Der lässt Insekten und Bodenbewohner gedeihen, die Kräheneltern vor allem für die Aufzucht ihrer Jungen gern sammeln.

Dürnberg bemühte sich mit seinen Ausführungen, Informationen in eine Debatte zu bringen, die von einigen Teilnehmern sehr emotional geführt wurde. Die Saatkrähen, die auf den Feldern rund um Elmshorn Nahrung sammeln, bringen diese nämlich in ihre Nester, von denen viele in der Elmshorner Innenstadt liegen. Saatkrähen sind gesellige Tiere, sie brüten gern in Kolonien und pflegen ein komplexes Sozialleben. Da geht es laut zu, wie bei Menschen auch. Die wiederum fühlen sich vom Lärm der Krähen und von deren Kot belästigt und fordern Abhilfe.

„Krähen und kein Ende?“, lautete der Titel des Stadtgesprächs, zu dem die Elmshorner SPD am Freitag in den Kollegiumssaal eingeladen hatte. 35 Elmshorner kamen – viele davon, um ihrem Unmut über die Plagegeister Luft zu machen, was sie dann auch lautstark und ungeachtet einfacher Gesprächsregeln taten. Andere wollten eine Lanze für die Krähen brechen oder betrachteten das Problem differenziert.

Was Dürnberg referierte, bestätigte Werner Laabs aus eigener Anschauung und mit Beweisfotos. Er wohnt in Seeth-Ekholt, wo tagsüber ganze Schwärme von Krähen unterwegs seien – aber in den vielen geeigneten Bäumen ringsum finde sich kein einziges Nest. Gleichzeitig gehören Laabs Immobilien in der Elmshorner Innenstadt – und dort koteten die Tiere Fensterbänke derart voll, dass sich die Fenster nicht mehr öffnen ließen.

Immer im Frühjahr zieht Jörg Schmidt-Hilger vom Elmshorner Umweltamt los und vergrämt die Krähen an ausgewählten Plätzen mit Lärm. „Sie wurden letztes Jahr am Zeppelinplatz vergrämt, das war erfolgreich für ein Jahr“, bestätigte eine Anwohnerin. Aber die Krähen werden in diesem Jahr wiederkommen, fürchtete sie. Sie regte an, dass Schmidt-Hilger sich dann auch um Bäume im weiteren Umkreis kümmern sollte, damit die Tiere nicht nur einfach ein Stückchen weiter rücken.

Aber genau das darf er nicht: Die Population der geschützten Tiere dürfe nicht gefährdet werden. Vergrämen, Nester ausnehmen oder Äste absägen: Das alles darf nur mit Genehmigung des zuständigen Landesamtes, in engem Umfang und an wenigen Plätzen passieren.

Für dieses Jahr hat Schmidt-Hilger ziemlich viele Stellen in Elmshorn, an denen er Krähen vertreiben darf: außer dem Zeppelinplatz sind das die Bismarckstraße, der Buttermarkt, der Alte Markt und der Bahnhofsvorplatz. Ein Besucher beklagte, dass die Krähen am Kinderhaus in Hainholz direkt über dem Spielplatz sitzen: „Ich würde meinen Enkel dort nicht hinschicken.“ Schmidt Hilger antwortete ihm, dass dort Nester aus den Bäumen entfernt werden dürfen. Für die Durchführung sei allerdings die Eigentümerin zuständig, eine Wohnungsbaugesellschaft.

Werner Laabs, Immobilieneigentümer in der Innenstadt, präsentierte Krähenfotos. (Foto: Roolfs)
Werner Laabs, Immobilieneigentümer in der Innenstadt, präsentierte Krähenfotos. (Foto: Roolfs)
 

In Elmshorn leben gut 1000 Saatkrähen-Brutpaare. Trotz dieser vielen Exemplare ist die Art insgesamt gefährdet. In Schleswig-Holstein gibt es gut 25.000 Brutpaare, das ist ein Drittel des Bestands in ganz Deutschland. Die Saatkrähe wird durch EU-Verordnung und Bundesgesetz geschützt. „Gesetze kann man ändern“, forderte ein Diskutant im Kollegiumssaal, aber die Politiker auf dem Podium verdeutlichten, dass dafür sehr dicke Bretter zu bohren wären.

Abhilfe zu schaffen wird ein sehr langwieriger Prozess, das wurde in Elmshorn deutlich. „Wir haben das in den vergangenen Jahren nicht richtig diskutiert“, resümierte Sandra Redmann, die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Sie will jetzt alles genau angucken: „Welche Maßnahmen wirken sich wie aus, wo gehen die Krähen hin, was wird im nächsten Jahr?“, nannte sie einige Fragen.

Konkret verabredet wurde am Freitag nichts, aber der Ansatz von Kristin Zoller aus Raa-Besenbek scheint gute Chancen zu haben. Sie will alle Betroffenen an einen Tisch holen: Politik, Verwaltung, Krähengegner und -fans, Naturschützer. Für die wissenschaftliche Begleitung einer solchen Arbeitsgruppe wollen die SPD-Landtagsabgeordneten Redmann und Beate Raudies sorgen. „Seien Sie sicher, dass Sie nicht auf taube Ohren gestoßen sind“, beschwichtigte der Elmshorner SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Lenk die aufgebrachten Besucher und mahnte gleichzeitig auch zur Geduld: „Wir müssen ja auch mal anfangen dürfen.“

Wobei längst nicht alle die Krähen abschießen wollten, wie es ein Jäger vorschlug, oder Selbstjustiz mit Laserpointern üben, wozu ein anderer Besucher riet – das ist allerdings strafbar und auch für Menschen gefährlich, stellte Sandra Redmann klar. Nachdem sich die ersten Wogen der Empörung geglättet hatten, kamen auch differenzierte Wortmeldungen. Eine Besucherin bekannte, Freude an den Krähen zu haben. Die sei ihr auch nicht vergällt worden, als sie über Jahre regelmäßig durch die Bismarckstraße ging: „Wir sind nie belästigt worden.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 15.Feb.2016 | 12:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert