Die Schwalbenmännchen der Fußball-WM

Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.
Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.

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05. Juli 2018, 17:03 Uhr

Beim Wasserspringen vom 3-m-Brett ist einer der kompliziertesten Sprünge (mit einem Schwierigkeitsgrad von 3,9) der zweieinhalbfache Vorwärtssalto mit drei Schrauben gehechtet. Zwar ist die Tatsache sich innerhalb knappster Zeit auf einer relativ kurzen Wegstrecke ein paar Mal um die eigenen Körperachsen zu drehen und abschließend (sofern man Chinese ist) die Wasseroberfläche mühelos zu teilen wie nur Moses einst das Rote Meer, um mit einem zarten Glucksen ohne jegliche Spritzer im Becken zu verschwinden, durchaus als recht ordentlich anzuerkennen. Aber im Gegensatz zu dem, was derzeit auf ähnlichem Gebiet bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland geboten wird, ist das nichts weiter als eine ungelenk satte Arschbombe eines betrunkenen Saftsacks vom Beckenrand des örtlichen Freibads.

Die theatralische Dramaturgie, ästhetische Körperbeherrschung und stilistische Vollkommenheit, mit der nämlich so mancher Gefoulte spektakulär zu Boden sinkt um das Spiel zu verzögern oder eine Verwarnung eines Gegenspielers zu erzwingen, stellt selbst die ausgefeilte Perfektion des begnadetsten Wasserspringers in den Schatten. So fallen der brasilianische Viel(f)lieger Neymar, die kroatische Daune Modric und viele andere unberührbare Schwalbenmännchen alleine schon dann, wenn sie lediglich von einer leichten Brise der Windstärke zwei erfasst werden, als hätte sie das mächtige Gummigeschoss vom Zooarzt getroffen, mit dem der sonst den Nilpferdbullen aus dem Gehege treibt.

Während der spektakulären Flugshow, in der noch vor der Landung mit dem einen Arm die Karte für den Gegenspieler gefordert wird, und der andere das zur schmerzverzerrten Fratze entstellte Gesicht hält, wird eine Bodenkür, wie sie Ecaterina Szabó oder Jelena Samolodtschikowa selbst zu ihren besten Zeiten nicht filigraner auf die Matte turnen konnten, vorbereitet. Die zigfache Rotation um die eigene Längsachse endet schließlich wahlweise im Wälzen von links nach rechts und dem Halten eines angeblich in Mitleidenschaft gezogenen Körperteils, was dem Zucken nach im nächsten Moment mit einem großen Knall explodieren wird oder aber dem komplett apathischen, in einer Art Bewegungsstarre verharrendem Warten auf den vorzeitigen Tod, der spätestens bei Abpfiff oder dem Eintreffen des Mannschaftsarztes wieder vorbei ist.

So eine egomanische, unfaire Selbstinszenierung hat auf dem Fußballplatz nichts verloren! Wer meint sich mit unfairen Methoden und Schauspielerei einen Vorteil verschaffen zu müssen, sollte lieber zum Wrestling gehen. Oder am besten gleich zum Tennis.

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