Die schlimmsten Orte der Welt

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Andrew Blackwell – Willkommen im sonnigen Tschernobyl

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25. März 2014, 10:36 Uhr

Hochzeitsreise auf Indiens vermülltesten und wohl giftigsten Fluss – für die meisten wäre das sicherlich alles andere als romantisch. Andrew Blackwell aber könnte sich gar nichts besseres vorstellen – und auch seine Freundin ließ sich von dem Vorschlag wohl überzeugen. Blackwell hat eine ungewöhnliche Variante des Tourismus für sich entdecken können: Er reist zu den „schlimmsten Orten der Welt“.

Eigentlich klar, dass seine Reisereportagen mit einem Abstecher zum wohl bekanntesten und gleichwohl verheißungsvollsten Un-Ort der Welt beginnt – Tschernobyl. Seit dem Reaktorunglück ein verstrahlter Sperrbezirk, in dem die Natur langsam wieder die Oberhand gewinnt. Mit dem Touristenführer Dennis an seiner Seite, lässt sich Blackwell das Gebiet zeigen, besichtigt das Besucherzentrum und versucht vergebens, seinen Führer zu einem Bootsausflug zu überreden. Schließlich schwärmte der von seinen Angel- und Pilzsammelausflügen mitten im Sperrbezirk. Am Ende verschlägt es die beiden in eine Kneipe, ein Fußballspiel steht an, und Blackwell findet sich strunzbesoffen im Sperrbezirk wieder.

Seine Reise führt ihn weiter durch Kanada, Amerika, zum pazifischen Müllteppich, zum Kahlschlag im Amazonas und, nach einem Abstecher zu chinesischen Elektroschrott-Händlern schließlich nach Indien und auf Yamuna, den mit Abstand dreckigsten Fluss des Landes. Allerdings: Nicht wie geplant als Hochzeitsreise. Denn mittlerweile hatte Blackwells Freundin die Geduld verloren und den Ökosünden-Touristen verlassen. Seine Reise um die Welt setzte der Amerikaner dennoch fort. Ein Glück. Denn das hat sich sichtlich gelohnt. Mal trocken, mal süffisant, aber immer voller Humor berichtet Blackwell von seinen auserkorenen Un-Orten, und entdeckt – das überrascht ihn selber – immer wieder eine erstaunliche Schönheit. Nicht selten lassen seine Gespräche mit den Einheimischen ein gewisses Verständnis für die wirtschaftliche Not erkennen, aber immer wieder ist da auch erhebliche Kritik an Konzernen und ihren Umweltschäden, die sie mit absurden Besucherzentren und geführten Touren zu kaschieren suchen. Eben da legt Blackwell eine dankenswerte Schmerzfreiheit an den Tag: Geduldig lässt er die Programme der Konzerne über sich ergehen – und sucht später seinen eigenen Zugang zum Thema. Mit Sicherheit eine der absurdesten, witzigsten und lehrreichsten Reisereportagen.

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