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Elmshorner Nachrichten

25. November 2017 | 08:56 Uhr

Die Kleinen gegen die Großen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Windparks Durch das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz haben die Eigentümer des Bürgerwindpark in Raa-Besenbek Probleme

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2017 | 16:00 Uhr

„Uns war klar, dass das neue Gesetz für uns katastrophale Folgen haben würde. Aber dass es so schlimm werden würde, hätten wir nicht gedacht.“ Worüber Hans-Hermann Magens sich so ärgert, ist das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das am 1. Januar 2017 in Kraft getreten ist. Denn es stellt den Bürgerwindpark Raa-Besenbek, dessen Geschäftsführer Magens ist, vor große Probleme.

Derzeit gibt es zwei Bürgerwindparks in Raa-Besenbek, die jeweils aus vier Windkraftanlagen bestehen. Der alte Windpark aus dem Jahr 1999 befindet sich von Elmshorn aus gesehen auf der linken Seite der Straße Altendeich, der neue aus dem Jahr 2011 liegt auf der rechten Seite. Die vier alten Windkraftanlagen wollen die 86 Eigentümer, die im Bürgerwindpark organisiert sind, durch vier neue, deutlich effektivere Anlagen austauschen. Denn im Jahr 2019 läuft die auf 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung aus. Bis dahin bekommen die Eigentümer des Bürgerwindparks auf Grundlage des EEG einen festen Abnahmepreis von etwa acht Cent je Kilowattstunde – fast dreimal so viel wie der reguläre Marktpreis, um den Umstieg auf Erneuerbare Energien zu fördern. Bezahlt wird das über die EEG-Umlage, die etwa 20 Prozent der Stromkosten eines Privathaushalts ausmacht.


Keine feste Vergütung mehr


Doch seit das neue EEG in Kraft getreten ist, gibt es keine feste Einspeisevergütung mehr für die Windmüller. Die Bundesnetzagentur ermittelt jetzt durch öffentliche Ausschreibungen die Einspeisevergütung. Gleichzeitig wurde der weitere Ausbau der Windenergie durch eine Deckelung des jährlichen Zubaus von bisher rund 4000 Megawatt auf höchstens 2800 Megawatt begrenzt. Dadurch gibt es natürlich einen ungeheuren Angebotsdruck.

Wer also mit seinem neuen Windpark – oder im Fall der Raa-Besenbeker mit seinem erneuerten Windpark – seit diesem Jahr auf den Markt will, muss im Preiskampf mit anderen Anbietern bestehen. Dadurch sinkt die Vergütung ganz enorm. Statt wie zuletzt neun Cent pro Kilowattstunde lag das Ergebnis der Ausschreibung im Mai bei 5,6 Cent, das Ergebnis im August sogar nur noch bei 4,3 Cent. „Die Zuschläge gewinnen fast nur noch die großen Unternehmen, die sich von den niedrigen Geboten eine Marktbereinigung auf Kosten der kleineren Windparks versprechen“, erklärt Magens. „Die müssen noch keine Baugenehmigungen haben, sie bauen auch jetzt noch gar keine Windparks. Stattdessen spekulieren sie darauf, dass die Strompreise in vier Jahren, wenn es keine Atomkraftwerke mehr gibt, besser werden.“ Bis dahin, so die Vermutung von Magens, wollen sich die Unternehmen eine Monopolstellung auf dem Markt erarbeiten. „Für uns kleine Bürgerwindparks ist der Zugang zum Markt durch die aktuellen Dumpingpreise fast unmöglich geworden, da jedes Projekt für sich wirtschaftlich sein muss, sonst bekommt man keine Finanzierungszusage eines Kreditinstituts.“


Baugenehmigung kam zu spät


Ursprünglich wollten die Raa-Besenbeker deshalb die Baugenehmigung für ihren erneuerten Windpark noch vor 2017 bekommen. Dann wären sie um die Ausschreibung herumgekommen. Aber es gab Probleme mit der Baugenehmigung. Erst im April 2017 bekamen sie grünes Licht für die Erneuerung des Windparks.

Der Bürgerwindpark muss sich also an der öffentlichen Ausschreibung beteiligen. Aber ohne einen Zuschlag gibt es auch keine neuen Windkraftanlagen, schließlich braucht die Bank eine Sicherheit für die Kreditzusage. Um den Kredit abbezahlen und gleichzeitig die Ausschreibung gewinnen zu können, muss die Leistung der neuen Windkraftanlagen allerdings deutlich größer sein als bisher. Die Anlagen, mit denen Magens derzeit kalkuliert, haben einen Flügeldurchmesser von 114 Metern und sollen pro Jahr 30 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Das ist fast dreimal so viel wie die alten Anlagen. Trotzdem reicht die Leistung vermutlich nicht aus, um bei den Ausschreibungen mithalten zu können.


Lichtblick: Rabatte und Gesetzesänderung


Ein Lichtblick sind für Magens die Rabatte, die die Hersteller der Anlagen neuerdings gewähren, weil auch sie durch das neue EEG-Gesetz kaum noch Aufträge bekommen und schon jetzt Mitarbeiter entlassen müssen. „Dadurch müssen wir nach dem neuesten Stand statt 16 Millionen Euro nur noch 14 Millionen Euro für das gesamte Projekt bezahlen“, erklärt Magens. „Hätten wir diesen Rabatt schon im Mai gehabt, hätten wir die erste Ausschreibung sogar gewinnen können. Das Ergebnis im August allerdings war jenseits von Gut und Böse.“

Aber auch in Berlin hat man inzwischen erkannt, welche Probleme das neue EEG in der Windbranche verursacht. „Denn dadurch wird es in den Jahren 2019 und 2020 kaum einen nennenswerten Zubau erneuerbarer Energien geben und wir werden das Klimaabkommen von Paris nicht annährend einhalten können“, erklärt Magens. Ab Februar sollen nur noch Unternehmen an den Ausschreibungen teilnehmen können, die eine Baugenehmigung vorliegen haben. „Dadurch könnten die Einspeisevergütungen wieder steigen und wir hätten eine reelle Chance bei der Ausschreibung“, hofft Magens. Dann könnten die vier neuen Windkraftanlagen ein Jahr später stehen.

So oder so werden die ersten 16 Jahre, in denen der Bankkredit abbezahlt werden muss, für den Bürgerwindpark hart. Magens wünscht sich, dass die Bundespolitiker mehr hinter den erneuerbaren Energien stehen. „Aber die prahlen öffentlich immer nur damit, wie sie den Strompreis für den Endverbraucher senken. In der Praxis passiert genau das Gegenteil“, sagt Magens. „Natürlich muss man marktwirtschaftlich denken. Aber wenn der Preis so schnell so radikal sinkt, wie er es derzeit tut, reißt man der Windenergie den Boden unter den Füßen weg.“

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