Die Kinder wollen am Fenster sitzen

shz.de von
16. Juni 2014, 16:00 Uhr

Ich hatte ja keine Ahnung, nicht mal die geringste. Ich denke, ich muss meine Sichtweise als ständig nölender Eisenbahnpendler gehörig revidieren und das jahrelange Herumgejammer hier an dieser Stelle einmal zurechtrücken. Das wahre Grausen findet nicht alltags ab 7:09 Uhr statt, sondern tatsächlich am Wochenende.

Es war Sonnabendmittag, quasi so etwas wie das Gegenteil von Montagmorgen, und ich stieg in Hamburg-Hauptbahnhof in die Bahn, um wieder zurück in die Zukunft und nach Elmshorn zu fahren. Die Abfahrt war in 20 Minuten und der Waggon noch fast ganz leer. Ich suchte mir im Großraumabteil einen Platz am Fenster und setzte mich wegen der Beinfreiheit in einen sogenannten Vierer, wo zwei Sitze gegenüber voneinander montiert sind. Mein Zeugs hatte ich auf dem Schoß, so dass drei Plätze um mich herum frei für andere Mitreisende blieben. Die Abfahrt rückte näher und langsam füllte sich der Zug.

Dann kam eine Bagage an Bord. Vati, Mutti und zwei zuckersüße, kleine Quengel, denen offenbar eine große Portion Mittagsschlaf fehlte. Das Muttertier, mit der Butterkekspackung im Anschlag vorweg, auf der Suche nach Sitzplätzen. Die Nachhut bildete der Mann, der alle Rucksäcke trug, drei Tüten, zwei Caprisonnen und einen Teddybären. „Hier ist auch nichts, Schatzi!“, bellte sie ihrem Mann über die Schulter zu, als würde er bei Schneesturm 50 Meter hinter ihr gehen und sie auf der Suche nach einer Herberge für die Nacht wären. „Ich frag hier einfach mal“, sagte sie und hielt bei mir an. „Können wir hier sitzen?“, fragte sie eine Spur zu forsch, wie ich fand. Ich war aber gerade im Freundlich-Modus und sagte, dass das wohl kein Problem sei, schließlich seien noch drei Plätze frei. „Wir sind aber vier!“, sagte die Mutti, und zwar so, als müsste ich logisch draus folgern, dass ich nun zu verschwinden hätte. „Ja, und?“, fragte ich ganz vorsichtig. „Die Kinder wollen am Fenster sitzen! Sie können sich doch woanders hinsetzen.“

„Sie aber auch, oder?“, sagte ich fast zitternd, jenseits meiner Courage. Anstatt mir eine korrekte Antwort zu geben, bekam ich ein barsches: „Sie haben wohl keine Kinder!“ vor den Latz geknallt. Ich antwortete so ruhig es nur ging, dass ich zwar keine Kinder, dafür immer noch aber drei Plätze anzubieten habe. Kopfschüttelnd zog die Leitkuh weiter. Die Kinder quengelten, der Schleppknecht sagte kein einziges Wort. Ich streckte meine Beine aus und genoss die herrliche Fahrt.

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