Die Geschichte der Galoppwurst

Ab 1900 florierte in Elmshorn der Schweinehandel, Mästereien und Fleischfabriken. Die Luftaufnahme von 1959 zeigt das Werksgelände der ehemaligen Fleischwarenfabrik Karl Wetzel an der Berliner Straße. Teile der Gebäude stehen heute noch. Doch sie sollen nun zu Gunsten des Stadtumbaus abgerissen werden.
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Ab 1900 florierte in Elmshorn der Schweinehandel, Mästereien und Fleischfabriken. Die Luftaufnahme von 1959 zeigt das Werksgelände der ehemaligen Fleischwarenfabrik Karl Wetzel an der Berliner Straße. Teile der Gebäude stehen heute noch. Doch sie sollen nun zu Gunsten des Stadtumbaus abgerissen werden.

Das Gebäude Berliner Straße 20, eine ehemalige Wurstfabrik, soll abgerissen werden / Heidi Knop erzählt, wie der Arbeitsalltag war

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27. Oktober 2019, 16:41 Uhr

ELmshorn/Sparrieshoop | Der alte Backsteinbau an der Berliner Straße 20 – über dieses Gebäude hat sich ein Streit innerhalb Elmshorns entzündet. Das Gebäude, ehemals Teil einer größeren Wurstfabrik, soll im Zuge des Stadtumbaus abgerissen werden, damit Platz für die Verbreiterung der Berliner Straße bleibt. Kein großer Verlust, sagen die einen. Andere bedauern die Entscheidung und argumentieren, dass hier ein Teil der Elmshorner Geschichte vernichtet wird. Zu Letzteren gehört auch Heidi Knop aus Sparrieshoop. Sie verbindet mit dem Bau eine ganz besondere Geschichte. Denn eine kurze Zeit lang ging auch sie täglich durch den Torbogen mit dem schönen Relief-Stein. Sie arbeitete von 1968 bis 1970 in der Fabrik an der Wurstspritzmaschiene.

Knop hatte ihre Ausbildung bei einem Elmshorner Schuhhändler gemacht – und kam dabei ziemlich rum. „Ich musste mit dem Fahrrad meiner Chefin immer die Fabriken abfahren und bei den Arbeitern 5 Mark einsammeln. Zum Abbezahlen ihrer Schuhe“, erzählt sie. Als sie 1968 das Unternehmen verlassen musste, kam ein Stammkunde aus der Wurstfabrik auf sie zu. „Er war Meister in der Spritzerei. Und sagte: Mensch Heidi, dann komm doch zu uns.“

Im Dezember konnte sie bei Jensen Fine Foods anfangen, und stand seitdem mit drei anderen Frauen an der Spritzmaschine – das ist der Arbeitsschritt, bei dem das Wurstbrät in den Darm kommt. „Der Darm stammte von der französischen Ziege. Das war eine ziemliche Frimelarbeit. Da musste man ein gutes Gefühl entwickeln – sonst hatte man Matsch“, erzählt sie. Vielleicht haben deshalb nur Frauen diese Arbeit gemacht, glaubt sie. 1969 wurde die Cocktailwurst eingeführt: eine kleine Bockwurst von 40 Gramm. Wer dabei an der Maschine stand, musste die Handgriffe besondern schnell machen. „Wir haben die immer Galoppwurst genannt. Weil die so schnell aus der Maschine kam“, sagt Knop.

„Es war eine schöne, aber auch eine schwere Arbeit. Gerade für Frauen“, sagt sie. Das lag auch an den 20-Liter-Eimern mit heißem Wasser, die die Arbeiterinnen am Schluss des Arbeitstages zur Maschine schleppen mussten, um alles zu säubern. Arbeitsbeginn war um 6 Uhr. Wurde eine Wurst produziert, die am selben Tag noch weiterverarbeitet werden musste, begann der Arbeitstag aber schon um 3 Uhr.

Das die restlichen Gebäude der Fabrik nun der Straße weichen sollen, bedauert Knop: „Ich finde das nicht gut. Es wurde schon viel zu viel abgerissen.“ Sie würde sich einen Umbau wünschen, mit Cafes oder kleinen Läden. „Immer alles abreißen – das ist nicht mehr mein Elmshorn.“

Nach der Wurstfabrik arbeitete Knop 21 Jahre lang bei Hertie in der Texilabteilung. Sie habe immer gern gearbeitet. „Ich habe meinem Sohn gesagt, auf meinem Grabstein soll mal stehen: Arbeit war ihr Leben“, sagt sie.

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