Die etwas andere Chorprobe

Steffen Edelmann begleitet die Probe am Akkordeon, Leiterin Susanne Drdack studiert die Stimmen ein.
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Steffen Edelmann begleitet die Probe am Akkordeon, Leiterin Susanne Drdack studiert die Stimmen ein.

Weil Übungsabende in geschlossenen Räumen derzeit nicht stattfinden dürfen, trifft sich das Ensemble Elmshorn auf dem Schulhof

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22. Juni 2020, 14:45 Uhr

Elmshorn | Chorleiterin Susanne Drdack begrüßt ihre gut 30 Sänger per Megafon. Sie steht auf dem Schulhof der Elmshorner Friedrich-Ebert-Schule, neben ihr Steffen Edelmann, der die Probe mit seinem Akkordeon begleiten wird; alle anderen halten großzügige Sicherheitsabstände ein. Der Kreis aus Klapp- und Campingstühlen, Hockern und Fahrrädern, mit denen die Sänger gekommen sind, hat einen Durchmesser von vielleicht 35 Metern, das macht eine Unterhaltung schwierig – wie kann da ein Chor proben?


Kähen mischen sich ein

„Wenn die andere Stimme zehn Meter weiter ist, das muss man erahnen“, erzählt Tim Schwarzenberger. Auf dem Feld nebenan spielen Jugendliche Basketball und hören dazu ihre Musik, Krähen mischen sich lautstark ein. Schwarzenberger singt nicht nur, sondern sitzt auch im Vorstand der Liedertafel Elmshorn. Das Ensemble Elmshorn, das an diesem milden Abend auf dem Rasen probt, ist einer der fünf Chöre unter dem Dach der Liedertafel. Am Mittwoch findet die zweite Chorprobe nach der Corona-Sperre statt, wegen der Auflagen im Freien; der erste Termin vor zwei Wochen fiel einem Gewitter zum Opfer. Maximal 35 Sänger dürfen zusammen üben; im Ensemble singen gut 50 Männer und Frauen, die jetzt in zwei Gruppen wechselweise proben.

„Teilweise ein bisschen schwierig“ ist das Singen draußen, findet Mezzosopranistin Virpi Schulz. Aber nach zwölf Wochen Zwangspause ist es für sie „unglaublich schön“, wieder mit anderen zusammen zu singen. Und: „Es ist auch schön, alle wiederzusehen“. Gemütlich eintreffen und schnacken, das geht auch unter Hygieneregeln.

Einerseits trainiert die ungewohnte Situation intensiv, erklärt Virpi Schulz: „Sonst kann man sich ein bisschen hinter den anderen verstecken“; das klappt nicht, weil die anderen weit weg stehen, also übt jeder Sänger für sich engagierter. Aber: „Es fehlt die Stütze von den anderen“, hat Schulz gemerkt.

Susanne Drdack hat mit dem Phänomen zu kämpfen, dass der Chor im Verlauf der Lieder immer langsamer wird: Wenn jeder unwillkürlich auf seinen Nachbarn hört, der einige Meter entfernt steht, und der wiederum auf seinen Nachbarn, dann sinkt das Tempo. Heute hilft Akkordeonspieler Steffen Edelmann dabei, die Geschwindigkeit zu halten. Als Drdack die übliche Ordnung des Chores nach Stimmen aufgelöst hat, klappt es noch einmal besser mit dem Zusammensingen.


Kein Auftritt in der Elbphilharmonie

Trotzdem: „Ein Chor braucht einen Raum“, stellt Susanne Drdack fest. Mit dem Ensemble wird sie vor den Ferien nur noch einmal proben, dann ist schon wieder Pause. Nach den Sommerferien hofft sie, wieder in einem geschlossenen Raum üben zu können: „Vielleicht mit 20 Sängern“; dann teilt sie den Chor eben in drei Gruppen.

Corona hat dem Ensemble Elmshorn schon einen großen Auftritt vermasselt: Am vergangenen Sonnabend sollte der Chor eigentlich in der Elbphilharmonie auftreten, eine seltene Chance, an dieser besonderen Spielstätte aufzutreten. Stattdessen behalfen sich die Sänger mit einem virtuellen Chor: Sie produzierten „I Will Praise Thee, O Lord“ als Video. „Ich dachte, ich mach’ mal eben so“, erzählt Virpi Schulz; tatsächlich brauchte sie dann für ihren Beitrag drei Stunden und „gefühlte 95 Aufnahmen“.

Ansonsten waren die Sänger auf Video-Proben, Gehörbildung und Theorielektionen angewiesen. „Das war ganz nett, um ein bisschen drin zu bleiben“, resümiert Vorstand Tim Schwarzenberger: „Aber es ist ermüdend“. Für Virpi Schulz war es „nett, mal alle zu sehen“, aber ihr Fazit bleibt auch nüchtern: „Besser als gar nichts“.


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