Die Balance des Sinnlichen

Trio mit viel Sinn für Feinheiten: Sabine Meyer (Klarinette), Martin Helmchen (Klavier)  und Cellist Mischa Meyer in der Elmshorner Reithalle.  Foto:  Völz
Trio mit viel Sinn für Feinheiten: Sabine Meyer (Klarinette), Martin Helmchen (Klavier) und Cellist Mischa Meyer in der Elmshorner Reithalle. Foto: Völz

Zweites Musik-Festival-Konzert in der Reithalle / Rund 1000 Besucher feiern Sabine Meyer, Martin Helmchen und Mischa Meyer

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30. Juli 2011, 08:37 Uhr

Elmshorn | Es war der erwartet spannende Kontrast zum vielstimmigen Hochglanzabend, mit dem Elmshorn ins Schleswig-Holstein Musik Festival gestartet war. Am Donnerstag demonstrierten Sabine Meyer (Klarinette), Martin Helmchen (Klavier) und Mischa Meyer (Cello) in der Reithalle die intime Variante des Zusammenspiel: Trios und Duos von Beethoven, Brahms und Berg. Das Resultat war Kammermusik, wie sie sinnlicher und demokratischer kaum sein kann.

Das Publikum - immerhin an die 1000 Zuhörer - hatte unverschämtes Glück. Die Elmshorner Halle ist zwar akustisch reizvoll, aber bei Kennern als üble Sauna gefürchtet. Doch der Aufguss blieb aus. Draußen war es recht frisch und drinnen akzeptabel. Gute Bedingungen. Und natürlich waren alle auf Weltstar Sabine Meyer gespannt. Sie musizierte zum dritten Mal während des Festivals in Elmshorn. Diesmal mit zwei jungen Kollegen, die bereits beachtliche Karrieren vorzuweisen haben. Das allein wäre keine Garantie für beglückendes Zusammenspiel, doch Sabine Meyer hatte ihr Team glänzend zusammengestellt.

Das war schnell klar, als das Konzert mit Beethovens Trio B-Dur op. 11, dem "Gassenhauer"-Trio, begann. Sabine Meyers Spiel ist längst Legende. Klingt dick aufgetragen, ist aber so. Sie entlockt ihrem Instrument mehr Nuancen als die Konkurrenz, alles ist selbstverständlicher, nichts wirkt gemacht. Die Klarinette spricht, erzählt, kokettiert - Champions League.

Da wollen ihre Partner erst noch hin. Martin Helmchen brauchte beim "Gassenhauer" ein wenig Zeit um sich freizuspielen. Cellist Mischa Meyer war gleich präsent. Beide sind brillante Musiker, doch Meyer war in Elmshorn schlichtweg außergewöhnlich. Fabelhaft, wie er in Beethovens geselligem op. 11 das Adagio bestimmte. Schlank und dabei fast unwillkürlich zurückhaltend ist sein Ton, zerbrechlich.

Doch Meyer hatte alles im Griff. Seine Souveränität war spätestens bei Beethovens Sonate für Klavier und Cello op. 102 Nr. 2 gefordert. Der Komponist vermittelt mit dem Werk eine Ahnung vom Kampf, den er im Spätwerk bestehen wollte. Musikalische Form interessierte ihn kaum noch, war Staffage.

Helmchen und Meyer nahmen sich die Freiheit, die Sonate in diesem Geist zu interpretieren: nah an der Improvisation. Und wieder war Mischa Meyers Gestaltungsgabe das große Plus.

Nach der Pause etwas völlig anderes. Alban Bergs vier Stücke für Klarinette und Klavier op 5. Wenige fabelhafte Momente, enormer musikalischer Dichte.

Mehr davon gab es zum Schluss im Trio op. 114 von Johannes Brahms. Da war alles sofort bezaubernd gesanglich. Sabine und Mischa Meyer plauderten munter drauflos und Martin Helmchen mischte sich eloquent ein. Brahms reizte die spieltechnischen Möglichkeiten der Klarinette aus und Sabine Meyer stellte sie in den Dienst der Gruppe. Das wunderbar Fließende, dass das kleine Ensemble in Elmshorn auszeichnete, ist Genuss und Gefahr zugleich. Geht die empfindliche Balance verloren, bleiben nichts als Wischer über der Partitur. Nicht aber in Elmshorn: Deshalb am Ende enormer Applaus und noch einmal ein Stück aus dem "Gassenhauer".

Wie gesagt, ein spannender Kontrapunkt zum ersten Festival-Abend und ein Name den sich die Hörer langsam aufschreiben sollten: Mischa Meyer.

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