Der Würmerfresser

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Mit seinen Abenteuerreisen wurde Rüdiger Nehberg berühmt. Im Theater erzählt er von seinem Engagement gegen weibliche Beschneidung

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02. Februar 2018, 16:06 Uhr

Wann haben Sie sich das letzte Mal wie ein wirklich anständiger Mensch gefühlt? Wie jemand, der moralisch das Richtige tut und aufrichtig etwas zum Wohle der Menschheit beigetragen hat? Bei der Autorin dieses Textes war es vergangenen Mittwoch soweit. Da kaufte sie sich ein Kilo Möhren. Möhren aus ökologisch kontrolliertem Anbau ohne Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln, die den Böden und den Insekten schaden würden. Ein gutes Gewissen ist käuflich. Und das ist Mist.

Solche Gedanken kommen automatisch, wenn Rüdiger Nehberg auf der Bühne steht. Der 83-Jährige zappelt bei seinem Vortrag im Elmshorner Stadttheater, fuchtelt mit den Armen und erzählt aus seinem bewegten Leben. „Mr. Survival“ hat man den Abenteurer getauft, weil er mit seinen Reisen in die entlegensten Orte der Welt bekannt geworden war, Filme drehte und Bücher mit Überlebenstipps schrieb. „Jahrelang war ich verschrien als Würmerfresser der Nation. Deshalb verlor die Backstube ein paar Kunden“, erzählt Nehberg, der einst eine Bäckerei in Hamburg betrieb.

Nehberg erzählt seine Geschichten mit viel Witz – „Ein Glas Mückenlarven prickelt besser als jeder Aldi-Sekt“ – und im ersten Teil des Abends wird viel gelacht. Nehberg wirkt wie eine Sympathiefigur, wie ein netter Kerl mit einem Herz aus Gold und, ja, einem kleinen Sprung in der Schüssel. Denn wer auf einem Baumstamm den Atlantik durchsegelt muss eine Prise Unvernuft mitbringen.

Im zweiten Teil des Abends aber wandelt sich das Bild vom glücklichen Narren und Nehberg konfrontiert die Zuschauer mit härterem Tobak. Es geht um die weibliche Genitalverstümmelung, gegen die der Abenteurer seit Jahren kämpft. In 35 Länder gebe es diese Praxis noch. Viele dieser Länder sind muslimisch: „Man hält es für ein Kulturgut. Man ist sogar noch stolz drauf.“ 2000 gründete Nehberg den Verein Target und reiste voran zu religiösen Führern, um sie von dem Irrsinn der Verstümmelungspraxis zu überzeugen: „In Deutschland haben sie mir gesagt, der Islam ist nicht dialogfähig. Die schneiden euch die Kehle durch.“ Aber laut Nehberg war das Gegenteil der Fall: Er traf auf offene Ohren. Die Schwierigkeit liege nun darin, die Botschaft von dem Missfallen der religiösen Führer auch in entlegene Orte zu tragen.

Nehberg organisiert seinen Vortrag geschickt. Mit Witz und gelegentlichen Lachern wirkt der Vortrag sympathisch und unangestrengt. Es ist keine Betroffenheitsveranstaltung, die die Zuschauer an das Gute in der Welt zweifeln lässt. Aber Nehberg macht die Not der Frauen in anderen Teilen der Welt nachvollziehbar – einfach indem er von seinen Begegnungen erzählt. Wie er zum Beispiel eine Frau traf, deren Tochter sich nach der Beschneidung mit dem Maschinengewehr in den Kopf schoss.

Nehberg macht deutlich, dass man dem Unrecht der Welt nicht untätig gegenüberstehen muss. Man kann etwas erreichen, auch gegen die wirklich großen Probleme. „Ich bin jetzt 83 und muss ranklotzen. Ich will das endgültige Ende der Beschneidungen ja noch erleben. Ich will das nicht euch überlassen“, sagt er. Nein, ein Kilo faire Möhren retten nicht die Welt. Sondern verrückte Kerle mit guten Ideen.

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