Der Schatten der Kinder

'Big Bang II'
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"Big Bang II"

Yasam Sasmazers beeindruckende Skulpturen beim Elmshorner Kunstverein im Torhaus

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21. Mai 2011, 08:19 Uhr

ElMSHORN | " Das ist ganz große Kunst." Darin waren sich die Besucher einig, als im Torhaus die neue Ausstellung des Kunstvereins Elmshorn eröffnet wurde. Bis zum 5. Juni werden dort neue Arbeiten der türkischen Künstlerin Yasam Sasmazer gezeigt. Die 1980 geborene Bildhauerin zählt unbestritten zu den Stars der international boomenden türkischen Kunstszene, ihre Holz- und Bronzeskulpturen werden ihr regelrecht aus den Händen gerissen.

Selbst alt gediente Mitglieder des seit mehr als dreißig Jahren bestehenden Kunstvereins erkannten "ihren" Ausstellungsraum beim Betreten kaum wieder: gerade mal sieben Kunstwerke (eine weitere Arbeit steht im Erdgeschoss) sind zu sehen - aber sie vermitteln eine völlig neue, überraschende Kunst- und Raumerfahrung. "Das hier hat Großstadt-Format", so eine kunsterfahrene Besucherin am Eröffnungsabend anerkennend.

Im Mittelpunkt steht die aus Lindenholz gefertigte "Shadow Group". Es ist die neueste Arbeit der Künstlerin und die erste, die in ihrem neuen Berliner Atelier in Kreuzberg entstand. Die etwa 130 cm große Gruppe besteht aus drei Kinderfiguren, die mit angstverzerrten Gesichtern und erhobenen Armen eine drohende Gefahr abzuwenden versuchen. Die Kinder erkennen nicht, dass sie selbst es sind, die den beängstigenden Schatten an der Wand erzeugen.

In treffender Weise bringt die Künstlerin mit dieser Arbeit eines ihrer Anliegen auf den Punkt. Für sie ist das Kindsein eine Zeit der Unsicherheit und der Befangenheit. "Das spiegelt sich in den Gesichtern und Gesten ihrer Figuren",, sagte Anna von Bodungen. Die Leiterin der Galerie "berlin art projects" gab im Torhaus eine eben so kluge wie kenntnisreiche Einführung in die Ausstellung. "Die dargestellte Kinderwelt ist weit entfernt von reiner Glückseligkeit und Naivität, sie ist geprägt von denselben existentiellen Ungewissheiten, die auch die Erwachsenen begleiten", so die Berliner Galeristin, die die Künstlerin 2009 auf der Kunstmesse Contemporary Istanbul entdeckte. Die "Shadow"-Gruppe stehe für den Beginn einer neuen Werkserie Sasmazers, so von Bodungen, "in deren Mittelpunkt steht das Spiel mit dem Schatten, hervorgerufen durch eine externe Lichtquelle." Der Schatten stehe aus Sicht der Künstlerin für die dunkle, im Verborgenen liegende Seite unserer Seele, "für den Teil unseres Ichs, den wir selbst am meisten fürchten."

Yasam Sasmazer, die die Ausstellung am Vortag mit aufgebaut und penibel ausgerichtet hatte, schreibt in einem Katalogtext: "Mein Ziel ist das Gute und das Schlechte abzubilden, die dunklen und die hellen Wesenszüge, die das Menschliche grundsätzlich bestimmen . . . Das Grausame und aggressive Potential, das jeder Mensch in sich trägt, transportiere ich in die physisch und psychisch noch unreifen Körper von Kindern: Kinder, die noch nicht an das soziale System ihrer Umgebung angepasst und darin eingebunden sind."

Wie eng gut und böse miteinander verbunden sein können - dafür findet sich in der Ausstellung als typisches Beispiel die farbig patinierte Bronze "Big Bang II": ein kleines Mädchen, das in der linken Hand ihren silbernen Luftballon hält, während in der rechten schon die spitze Nadel auf ihren Einsatz wartet.

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