Schmuck aus der Aludose : Der Müll der Anderen – Inspiration für Upcycling-Künstlerin Corrina Goutos

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Kunst vom Lande: Corrina Goutos hat ihr Glück in Raa-Besenbek entdeckt und macht dort nachhaltigen Schmuck aus recycelten Materialien.

Corrina Goutos hat ihr Glück in Raa-Besenbek gefunden und startet 2018 durch.

Die 26-jährige US-Amerikanerin lebt seit vier Jahren in Raa-Besenbek auf dem Land und macht Schmuck aus Weggeworfenem.

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25. Februar 2018, 15:31 Uhr

Raa-Besenbek | Als der Handyempfang immer schlechter wird, bin ich am Ziel. In Raa-Besenbek scheint die Zeit stillzustehen. Die Entschleunigung beginnt mit dem Aussteigen aus dem Auto. Auf dem Feld vor einem großen alten Bauernhaus steht ein Reh und verfolgt unbeeindruckt meine Ankunft. Hühner gackern im Vorgarten, eine Schwalbe, die nur aus Aufklebern zu bestehen scheint, steht vor der Tür. Corrina Goutos begrüßt mich herzlich: „Du bist ja schon da, komm rein.“

Videoschnitt: Victoria Lippmann

Die 26-Jährige lebt seit vier Jahren in dem kleinen Dorf bei Elmshorn mit ihrem Freund Hans auf einem großen ehemaligen Bauernhof. Hier hat die gebürtige US-Amerikanerin ihr Atelier und hier entsteht zwischen Gülle, Misthaufen und und Windrädern zeitgenössischer Schmuck – und die Basis dafür findet sie in Elmshorn, Hamburg oder auch direkt auf dem Hof in der Autowerkstatt von Hans' Bruder. Alufelgen, leere Getränkedosen, kaputte Kopfhörer: Aus dem Abfall anderer Menschen schafft Corrina Goutos Ohrringe, Broschen oder Ketten.

Hintergrund: Was ist Upcycling?

Die Wiederverwertung von Abfallprodukten oder (scheinbar) nutzlosen Dingen in neue Produkte nennt sich Upcycling. Bei dieser Form des Recyclings wird ein Stoff durch die Verwandlung in ein neues Produkt aufgewertet. Upcycling reduziert die Verwendung von Rohstoffen, da diese kaum oder gar nicht verwendet werden. Upcycling spielt in Industrienationen (aber nicht nur) eine immer größere Rolle. Das Bewusstsein, bereits vorhandenes Material für neue Produkte zu verwenden, steigt. Der Trend findet sich auch im Netz wieder. Immer mehr Do-it-Yourself-Webseiten zeigen die besten oder kreativsten Upcycling-Ideen für das eigene Zuhause. 

 
Zerschnittene Alufelgen und jede Menge Getränkedosen: Für die einen Müll, für Corrina Goutos die Basis für ihre Schmuckstücke.
Gerrit Hencke
Zerschnittene Alufelgen und jede Menge Getränkedosen: Für die einen Müll, für Corrina Goutos die Basis für ihre Schmuckstücke.
 

„Die Leute feiern das ab, das jemand von Straßenmüll inspiriert ist“, sagt die 26-Jährige. Pfandsammler würden schon manchmal komisch gucken und sagen, dass man dafür doch kein Geld mehr bekäme. Allerdings verkauft Corrina Goutos ihre Werke bereits in Kunstgalerien und über die eigene Webseite.

Die Basis für ihre Designs entstehen zwischen Werkstatt, Autowracks und Misthaufen in einem selbstgebauten Schmelzofen. Nach ihrem Studium der Kunst in Savannah, im US-Bundesstaat Georgia, warf nach ihrer Ausbildung das meiste über Bord. „Ich dachte mir, warum soll ich zu einer Bank laufen und mir viel Geld leihen, um professionelles Equipment zu besorgen, das muss auch einfacher gehen.“ Mit Hilfe von Youtube-Videos baute sie sich ihren kleinen Ofen aus einem alten Suppentopf und feuerfestem Beton. Ein Staubsauger bringt die Grillkohle auf Touren, dann landen leere Dosen von Energydrinks und Teile einer alten Alufelge im Schmelztiegel. Mit einem Zischen schmelzen die Dosen in Sekunden.

Die 26-Jährige hat ihren Schmelzofen selbst gebaut.
Gerrit Hencke
Die 26-Jährige hat ihren Schmelzofen selbst gebaut.
 

Die Masse landet am Ende entweder auf einer Stahl- oder Schieferplatte oder direkt auf den Boden. „Ich habe rausgefunden, dass es am besten ist, das flüssige Metall direkt auf die Erde zu schütten. Da gibt es schöne Texturen und man kann die spätere Form bereits beeinflussen.“ In die noch flüssige Masse drückt die gebürtige New Yorkerin dann vorher zurechtgeschnittene Teile der geöffneten Dosen. Mit den ersten beiden Versuchen ist Corinna Goutos nicht zufrieden. „Sehen aus wie Alu-Pancakes – ich finde es nicht so schön.“ Nach dem dritten Schmelzvorgang schwappt die Masse endlich so auf die Erde, dass die 26-Jährige zufrieden ist. „Man kann nicht entscheiden, was rauskommt. Es geht schnell, man kann es nicht kontrollieren.“ Das Material entscheide das selbst.

Hier verschmelzen Stadt und Land: „Wird später wohl mal ein Anhänger“, sagt die Amerikanerin.
Gerrit Hencke
Hier verschmelzen Stadt und Land: „Wird später wohl mal ein Anhänger“, sagt die Amerikanerin.
 

„Ich möchte das jeder sehen kann, woher das Material kommt, dass diese Teile bereits eine Geschichte haben“, sagt die Upcycling-Künstlerin. Dass jemand bereits aus einer Dose getrunken habe, mache es spannend. Es ist der Reiz des Gebrauchten. Und schon die Art, wie der Müll von jemandem entsorgt wurde, sei Inspiration.

Während die Masse abkühlt, um weiter bearbeitet zu werden, geht es zurück ins Haus. Nach einem Abstecher bei den Hühnern erzählt Corrina Goutos, wie sie aus der Großstadt New York, über Berlin den Weg in das knapp 550-Seelen-Dorf Raa-Besenbek gefunden hat. Die kurze Antwort: Die Liebe war es. Und auch beruflich startet die 26-Jährige nun durch. Sie zählt zu den fünf Finalisten für den diesjährigen Künstlerpreis des „Art Jewelery Forums“ (AJF) und wurde aus 121 Künstlern aus 33 Ländern ausgewählt. Der Gewinn dieser internationalen und mit 7500 Dollar prämierten Auszeichnung könnte für sie als Künstlerin den Durchbruch bedeuten.

In zwei Wochen wird der Gewinner auf der Sonderschau „Schmuck“ der Internationalen Handwerksmesse in München bekanntgegeben – einer der größten Schmuckmessen der Welt. Ihre Kunst wird sie dort im Rahmen der „Munich Jewellery Week“ auch in einer eigens organisierten Ausstellung namens „Foul Play“ präsentieren. Dort soll sie auch als Laudatorin sprechen. Danach stellt sie in Bukarest, Athen und Skopje aus. Schon jetzt sei 2018 ein Wahnsinnsjahr, sagt die Künstlerin.

Die Zeit, eine Woche lang an einer Idee zu feilen, hat man nur hier, sagt die 26-Jährige.
Gerrit Hencke
Die Zeit, eine Woche lang an einer Idee zu feilen, hat man nur hier auf dem Land, sagt die 26-Jährige.
 

Im Alter von sechs Jahren entschied die Wahl-Schleswig-Holsteinerin, Künstlerin zu werden. Damals lebte sie mit ihrer Familie noch in Albany, der Hauptstadt des US-Bundesstaates New York. Mit 14 Jahren organisierte sie bereits lokale Handwerksmärkte und verkaufte dort ihre Kunst aus Blechdosen. Nach dem Studium zog es sie nach Berlin, wo sie selbst im Müll, den die Menschen in den Straßen hinterließen, den Humor, die Lebensfreude und die Laissez-faire-Einstellung der Berliner wiederfand. Nach zweieinhalb Jahren zog sie dann aufs Land.

Mittlerweile lebt sie seit vier Jahren in Raa-Besenbek und ist trotzdem zufrieden. „Ich bin eigentlich von der Stadt, dem Stadtmüll und wie die Menschen sich dort bewegen, inspiriert, das war eine Umstellung hier auf dem Land. Ich dachte, ich habe nie wieder Ideen.“ Nun müsse sie zwar für die Inspiration in die Stadt nach Hamburg oder Elmshorn fahren – auch um Material zu finden – aber die Ruhe auf dem Dorf habe auch Vorteile. „Ich bin nicht mehr so abgelenkt, kann in Ruhe arbeiten und mich auch weiterentwickeln.“

Findet ihren Schmuck „extrem tragbar“: Corrina Goutos.
Gerrit Hencke
Findet ihren Schmuck „extrem tragbar“: Corrina Goutos.
 

Die gelernte Goldschmiedin hat für ihre Ausstellung in München auch das Thema Wegwerfgesellschaft in den Mittelpunkt gestellt. Mit ihren Kunstobjekten, Deckel-Abdrucke von Coffee-to-Go-Beschern, will sie auf dieses Problem aufmerksam machen. Der Schmuck überdauert als „Artefakt des modernen Lebens“. Dabei besteht selbst der aus Messing gegossene Abdruck aus recycelten Kronleuchtern. „Der Becherdeckel ist wegwerfbar, die Kunst hingegen bleibt.“

Als Kunstschmiedin fand sie es besonders krass, dass für jedes Objekt immer neue Materialien genutzt wurden. „Das Metall, was ich benutze, steht überall rum. Man muss nur innovativ und kreativ sein“, sagt die 26-Jährige. „Und so entsteht auch aus einer leeren Bierdose eine Brosche, die leicht und tragbar ist – und total nachhaltig.“

Derzeit eines ihrer Lieblingsstücke.
Gerrit Hencke
Derzeit eines ihrer Lieblingsstücke.

Mittlerweile ist die Masse auf dem Hof abgekühlt. Corrina Goutos inspiziert das neueste Stück. „Ich glaube, das kann wirklich was werden.“ Ein Anhänger soll es am Ende werden. Doch bis dahin braucht es noch Zeit. Es müsse am Ende tragbar sein und ein Teil des Outfits werden. „Wie bei einer Skultpur muss man die Schönheit rausbringen, etwas Schlechtes wegschnippeln und sie einfach minimaler machen, denn sie sind manchmal zu krass.“

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