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Tschechows „Möwe“ : „Der Mensch bleibt immer Mensch“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Tschechows „Möwe“ feiert morgen Abend an der Dittchenbühne Premiere. Interview mit der Regisseurin Vilija Neufeldt.

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2014 | 16:00 Uhr

Am 7. Februar wird am „Forum Baltikum – Dittchenbühne“ ein neues Stück Premiere feiern: die „Möwe“ von Anton Tschechow. Über Inhalt und Aktualität des Stücks, über Herausforderungen für die Inszenierung und die Darsteller sprach unsere Zeitung mit Regisseurin Vilija Neufeldt.

Nach „Bernarda Albas Haus“ jetzt die „Möwe“ – nach der Tragödie der Frauen in den Dörfern Spaniens jetzt also eine Tragödie von Menschen aus der russischen Provinz. Nach welchen Kriterien suchen Sie sich ihre Stücke für die Dittchenbühne aus?
Ich wähle gern Stücke, in denen das Tragische in das Komische übergeht oder umgekehrt. Tiefgründig sollten sie sein und Berührungspunkte aufweisen mit der heutigen Zeit. Das ist bei Tschechows „Möwe“ der Fall. Das Stück hat eine ganz besondere Atmosphäre, und die Beziehungen zwischen den Handelnden sind sehr spannend.

Worum geht es in der „Möwe“?
Es geht um Liebe, um Leid, um das Streben nach Glück und Erfolg, um unsere Ängste und unsere Verzweiflung, um das Scheitern von Lebensentwürfen. Und es geht um die Schaffung neuer Theaterformen – im Stück selbst, aber auch durch das Stück. Da gibt es durchaus autobiografische Parallelen zu Tschechows eigenem Leben.

Tschechow selbst nennt das Stück eine Komödie. Sie haben eben die Bezeichnung „Tragödie“ so stehen lassen...
Für mich ist die „Möwe“ tatsächlich eher eine Tragikomödie. Im Stück werden die Personen, die nach Liebe, nach Anerkennung, nach Erfolg streben, oft klischeehaft vorgeführt – und dadurch wirken sie in ihrem Scheitern komisch. Manche Theaterwissenschaftler glauben aber auch, dass Tschechow mit der Kennzeichnung des Stücks als Komödie einfach nur provozieren wollte – im Sinne von: Schaut nur, so komisch seid auch ihr alle in den Rollen, die ihr im Leben spielt, mit euren Klischees, euren großen Plänen.

Was sagt das Stück von 1895, aus dem zaristischen Russland, dem heutigen Zuschauer?
Es sagt uns: Der Mensch bleibt immer Mensch – mit all seinen Stärken und Schwächen. Egal ob damals oder heute: Jeder Mensch strebt nach Anerkennung, nach Bestätigung, nach Liebe. Und ganz oft ist ihm das Urteil anderer wichtiger als die Selbstbestätigung. Dabei sollte man doch genau das tun, was man wirklich möchte. Im Stück erkennt der Autor Treplev zu spät, dass es nicht um Formfragen geht, sondern darum, das zu schreiben, was einem auf der Seele liegt. Heute heißt das: Müssen wir nicht die Rollen überdenken, die wir im Leben spielen? Verlieren wir uns da nicht selbst und machen nicht das, was uns wirklich interessiert?

Welche Problemstellungen gab es bei der Inszenierung?
Die „Möwe“ ist ja kein leichtes Stück. Oft wird sie sehr intellektuell inszeniert, mit langen Pausen in den Gesprächen, bedeutungsschwer, fast schon schwermütig. Ich wollte das Stück auf eine andere Art zeigen: nämlich mit Menschen von heute, damit die Zuschauer erkennen können, dass sie letztlich auch so leben wie die Figuren auf der Bühne – und Tschechows Komik so wieder zum Tragen kommt. Dafür die richtigen Formen zu entwickeln, war nicht ganz einfach.

Welche Herausforderungen stellt die „Möwe“ an die Darsteller?
Beim ersten Dittchenbühnen-Stück im Jahr ist die größte Herausforderung eigentlich immer die Zeit: Die Rollen müssen sehr schnell gelernt werden, das Spiel muss schnell entwickelt werden, die richtige Form muss gefunden werden. Da hätte man zwischen der ersten Lesung bis zur Premiere gern etwas mehr Zeit. Aber wir haben wirklich tolle Darsteller, und wir haben die Zeit gut genutzt. Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Zuschauern wieder eine gelungene Inszenierung präsentieren werden.

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