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Serie: Gedenken nach 70 Jahren : Der Horror kurz vor Kriegsende

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Ilse Stübe berichtet, wie sie beim Bombenangriff drei ihrer Brüder verlor und was ihre Mutter durchmachen musste.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2015 | 13:00 Uhr

Elmshorn | Vor 70 Jahren mussten die Elmshorner einen letzten grausamen Höhepunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Zweiten Weltkriegs erleben: Am 26. April 1945 forderte ein Bombenangriff mindestens 92 Opfer. Von dem Horror kurz vor Kriegsende gibt es keine Fotos. Damit sich künftige Generationen dennoch ein Bild davon machen können, hat Ilse Stübe, geborene Brockmann, ihre Geschichte dem EN-Redakteur Carsten Petersen erzählt. Die heute 85-Jährige verlor an jenem Tag drei ihrer Brüder.

Eine kleine Stube neben der Küche in einem alten Reetdachhaus in der Köllner Chaussee Nummer 1. Es ist das Zimmer von Ilse und Helga Brockmann. Ilse wird im Mai 16 Jahre alt, Helga freut sich schon auf ihren siebenten Geburtstag in drei Tagen. Sie spielt draußen und ihre große Schwester kann an jenem späten Donnerstagnachmittag in Ruhe ein Puppenkleid als Geschenk nähen. Was dann geschieht, ist für sie der Horror ihres Lebens.

„Es gab keine Warnung, keinen Alarm, gar nichts. Es kam wie aus heiterem Himmel: Ich saß da und auf einmal bin ich in die Luft gegangen. Neben mir war der Kleiderschrank, dann war da die Wand zur Küche und auf der anderen Seite der Küchenschrank − und das war alles plötzlich platt, da konnte ich so drüber hinweggehen. Ich kann das gar nicht schildern, wie das eigentlich war. Ich hab gedacht, ich krieg keine Luft mehr. Aber mir ist gar nichts passiert, ich hab nur den ganzen Kopf voll Dreck gehabt.“

Der Bombenangriff am späten Nachmittag des 26. Aprils auf Langelohe. Mittendrin ein altes Haus, das in etwa dort stand, wo heute der Parkplatz der Firma Max Steier am Kreisverkehr auf Langelohe ist. Die seit 70 Jahren herrschende Leere auf der nicht wieder bebauten Fläche ist eines der wenigen Zeugnisse jener Geschehnisse vom 26. April 1945, bei denen die damals 15-jährige Ilse zuerst mit dem Schrecken davon kommt. Doch was sie dann erleben muss, ist eine Katastrophe: Ihre Brüder Dieter (vier Jahre alt) und der zweijährige Hans werden von einer einstürzenden Mauer erschlagen, ihr Bruder Jörn verliert auf dem Hof sein Leben: Den Sechsjährigen treffen Bombensplitter am Kopf, er verblutet.

Das alles erfährt Ilse erst später. Zunächst kämpft sie sich aus dem Haus. Auf der Straße kommt dem geschockten Mädchen die sechsjährige Schwester Helga entgegen. Sie hat von Bombensplittern eine große Wunde am Oberschenkel. Auch ihr Bruder Ernst (11 Jahre) kommt angelaufen und dann sieht sie ihre Mutter. „Da war ich natürlich glücklich.“ Der Angriff dauert an. Alle zusammen fliehen in den Luftschutzraum im Keller von Bäcker Heinze (heute Millahn), auf der anderen Straßenseite. Dort verharren sie, bis Soldaten sie rausholen. Ilse Stübe sagt rückblickend: „Die Soldaten waren alle auf der Straße, die waren auf dem Rückzug, auf beiden Seiten der Straße marschierten sie. Deshalb ist der Angriff wohl auch gewesen.“

Als die Mutter mit ihren Kindern den Keller verlässt, brennt das Reetdach ihres Hauses. Der junge Ernst holt noch etwas Bettzeug aus dem Haus. Es wird für die verletzte Helga in einen Bollerwagen gelegt. Ernst und Ilse ziehen mit der verletzten Schwester im Wagen los. Sie sollen Hilfe und Sicherheit bei den Großeltern in Hainholz finden.

Die Straße Langelohe war als Reichsstraße eine Hauptverkehrsader. An der Nord-Südverbindung (später abgelöst von der Bundesstraße 5 und danach von der Autobahn 23) neben dem Haus der Dankers und Brockmanns (rechts) befand sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Tankstelle. (Foto: Stadtarchiv Elmshorn)
Die Straße Langelohe war als Reichsstraße eine Hauptverkehrsader. An der Nord-Südverbindung (später abgelöst von der Bundesstraße 5 und danach von der Autobahn 23) neben dem Haus der Dankers und Brockmanns (rechts) befand sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Tankstelle. (Foto: Stadtarchiv Elmshorn)
 

Derweil bleibt die 38-jährige Mutter Anna Brockmann im Chaos auf der Kreuzung von Langelohe, Steindamm und Köllner Chaussee zurück. Sie war zu Beginn des Angriffs gerade aus der Nachbarschaft gekommen und musste dabei mit ansehen, wie eine Mauer ihres Hauses auf ihre beiden Söhne Hans und Dieter stürzte. Zugleich erschlugen die Steine ein 14-jähriges Mädchen, das von Köhnholz zum Saatgutholen gekommen war, sowie Maria Danker mit ihrem dreijährigen Sohn Hans-Joachim.

Die Dankers lebten zusammen mit den Brockmanns im selben Haus. Anna Brockmann nimmt sich der überlebenden Rita Danker (12 Jahre) später an. Zunächst versucht die Mutter aber mit Hilfe von Nachbarn mit bloßen Händen die Verschütteten, ihre Kinder, zu befreien. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, erfüllt sich nicht.

Auf dem Hof findet Anna Brockmann ihren Sohn Jörn mit schweren Kopfverletzungen. Der Sechsjährige lebt noch, verblutet aber. Sein Spielkamerad aus dem Nachbarhaus ist bereits tot, nur Nachbars kleiner Bernd im Kinderwagen hat auf dem Hof überlebt.

„Am 26. April feiere ich immer meinen zweiten Geburtstag“, sagt Bernd Mohr, das damalige Baby, heute. Auch für seine Familie war der letzte Bombenangriff auf Elmshorn eine große Tragödie. „Und das alles so kurz vor Schluss“, sagt Ilse Stübe und fährt fort: „Ich weiß das alles von meiner Mutter. Sie hat furchtbar was durchgemacht. Aber sie hatte ja wohl die besten Nerven, denn sie musste auch noch die ganzen Leichen identifizieren, die alle zusammengetragen wurden. Meine Mutter kannte sie ja auch alle. Erst einmal die eigenen Kinder und dann das noch. Unglaublich ist das. Meine Mutter ist die nächsten Tage fast in sich zusammengefallen. Ganz schrecklich. Es ist nun schon so viele Jahre her, aber irgendwie vergisst man das nie.“

Das Haus der Brockmanns und Dankers brennt völlig ab. Einen Feuerwehreinsatz gib es nicht mehr. Den Familien bleibt nichts. Die Brockmanns kommen bei den Großeltern in Hainholz unter. Ilse Stübe lebt heute in einem Seniorenhaus in Tornesch. Ihre Mutter Anna Brockmann starb 2003 und ist fast 97 Jahre alt geworden. Sie hatte insgesamt acht Kinder. Ein Sohn war während des Angriffs auf so genannter Landverschickung, der älteste Sohn bereits mit 17 in Gefangenschaft geraten. Ihr Mann war auswärts. Er war wegen einer schweren Krankheit nicht mehr im Krieg, musste 1945 aber im Volkssturm mitmachen. Die kranken und alten Männer sowie junge Schüler hatten als letztes Aufgebot der Wehrmacht unter anderem Panzersperren zu bauen.

Nazi-Deutschland kapitulierte auch angesichts der Übermacht der alliierten Kräfte nicht, machte so auch die Frauen und Kinder im eigenen Lande zu ihren Opfern. Da ist es nur eine Randnotiz dass eben an einer solchen Panzersperre der irrsinnigen Endsiegstrategie in Höhe Mühlendamm (heutiger Mühlenbaubetrieb Groth) einige Tage nach dem Bombenangriff auch der Versuch der Mutter Anna Brockmann und ihrer ältesten Tochter Ilse scheiterte, noch einmal die Leichen der drei toten Jungen zu sehen, die in der Lederfabrik Metzger (Kaltenweide) aufgebahrt waren. „Geht zurück, die Engländer kommen“, hieß es. Auch an der Beerdigung ihrer Brüder konnte Ilse Stübe nicht teilnehmen.

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