Ein Toter nach Bahnunfall : "Den dritten Zug gab es nicht"

Der Unglückszug  kurz nach dem Unfall. Auf den Puffern hängen noch Trümmerteile des Pkw.  Foto: rohr
Der Unglückszug kurz nach dem Unfall. Auf den Puffern hängen noch Trümmerteile des Pkw. Foto: rohr

Er öffnete die Schranken, weil er meinte, dass zwei Züge durchgefahren seien. Doch dann kam noch eine Bahn - und erfasste ein Auto. Im Prozess wurde Matthias J. wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

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20. Dezember 2012, 12:28 Uhr

Dauenhof/Itzehoe | Sechs Monate Haft zur Bewährung: Jetzt wird Matthias J. für das schwere Zugunglück von Dauenhof zur Verantwortung gezogen. J. war im Juni 2010 als verantwortlicher Sicherungsposten dafür zuständig, den Bahnübergang in der Ortschaft abzusperren. Die Schranken waren wegen Bauarbeiten außer Betrieb gesetzt. J. soll den Übergang entgegen seinen Anweisungen zu früh geöffnet haben, sodass ein Pkw von einem Regionalexpress erfasst und der Fahrer des Kleinwagen getötet wurde.
Die zentrale Frage des Prozesses am Itzehoer Landgericht drehte sich um die Zahl der Züge, die den Übergang vor dem Unglück passiert hatten. Die beiden Hilfsposten des Angeklagten hatten betont, dass zwei Züge durchgefahren seien. Erst danach hätten sie den Übergang auf Geheiß von J. geöffnet. Wenig später erfasste der vermeintlich dritte, unangekündigte Zug den Pkw, dessen Insasse bei der Kollision ums Leben kam. Sollte diese Version stimmen, würde J. keine Schuld treffen - er hätte korrekt gehandelt.

Keine Spur vom dritten Zug

Doch am Mittwoch fanden sich keine Anhaltspunkte, die belegen, dass es den zusätzlichen Zug gegeben hat. Weder will ein Sicherungsposten, der an einem etwa 350 Meter entfernten Bahnübergang arbeitete, den zusätzlichen Zug gesehen haben, noch geht dessen Existenz aus den Unterlagen der Deutschen Bahn hervor.
Wie der Sachverständige Stefan Andree darlegte, sei das Aufzeichnungssystem der Deutschen Bahn hochgradig sicher. Und in den vom System erstellten Unterlagen taucht der zusätzliche Zug nicht auf. Selbst, wenn er nicht erfasst worden wäre, hätte ein zusätzliches System Alarm geschlagen, alle Signale auf Rot gestellt und eine Fehlermeldung erstellt, die in den Dokumenten aufgezeichnet worden wäre. Beides finde sich nicht. "Es sind nur die beiden Züge gefahren", sagte Andree bestimmt, "es war kein weiterer Zug auf der Strecke unterwegs." Auch etwaige Manipulationen schloss er kategorisch aus.

Ist das Sicherungssystem der Bahn fehlerfrei?

Für die Staatsanwaltschaft war die Schuld des Angeklagten damit zweifelsfrei bewiesen. "Die Zeugen sind von der Existenz des dritten Zuges überzeugt", räumte Staatsanwalt Thorsten Schwarz ein, "aber ihre Aussagen sind nicht zuverlässig, sie haben unterschiedliche Angaben zu dem Zug gemacht." Schwerwiegender seien ohnehin die anderen Beweismittel und die Aussage des Sicherungspostens vom Nachbarübergang. Er forderte eine Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung und eine Zahlung von 1500 Euro an gemeinnützige Organisationen.
Verteidiger Jan Hinsch-Timm betonte, dass die Schuld seines Angeklagten trotz allem nicht zweifelsfrei bewiesen sei. Auch sei nicht überprüft worden, ob das Sicherungssystem der Bahn fehlerfrei gearbeitet habe. Er beantragte Freispruch im Zweifel für den Angeklagten.
Nach langer Beratung folgte das Gericht jedoch weitestgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft und setzte auf die objektiven Beweismittel. Matthias J. erhält wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässigem gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr sechs Monate auf Bewährung und muss 500 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen.

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