Serie: Museumsobjekte : Das Naturwunder mit großer Vielfalt aus kleinen Tüten

Eine Auswahl an Saattüten, die sonst in dem kleinen Holzkasten (Foto unten) verborgen sind.
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Eine Auswahl an Saattüten, die sonst in dem kleinen Holzkasten (Foto unten) verborgen sind.

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27. April 2013, 08:58 Uhr

Elmshorn | An die 30 000 Exponate aus der Elmshorner Vergangenheit werden in den Ausstellungsräumen und den Magazinen des Industriemuseums verwahrt. Die EN stellen in einer Serie jeden Monat ein Objekt vor.

Der Frühling ist endlich da und mit ihm startet die Gartensaison. Wer jetzt sät, kann sich auf eine Blumenpracht und Gemüsevielfalt im Sommer freuen. Die Samen in den bunt bedruckten Tüten gibt es jetzt überall - neben Samenhandlungen und Gartenfachgeschäften locken inzwischen auch Discounter und Baumärkte zum Kauf der kleinen Tütchen. Übrigens mit erheblichen Preisunterschieden, obwohl die unterschiedlich verpackten Sämereien größtenteils von ein und derselben Firma stammen.

Und: Was über Jahrtausende in der Geschichte der Menschheit eine Selbstverständlichkeit war, ist heute ein Problem: der freie Austausch und Handel von Saatgut. In den vergangenen 20 Jahren hat beim Saatguthandel ein großer Konzentrationsprozess stattgefunden. Die EU will sogar mit einer Saatgutverordnung Kleingärtnern den Tausch oder das Verschenken von nicht zugelassenem Saatgut verbieten (EN berichteten).

Blicken wir aber zurück: Wo wurde vor 100 Jahren Saat gekauft? Antwort gibt der schlichte Holzkasten im "Kolonialwarenladen" des Industriemuseums Elmshorn. In den kleinen Schubladen ruht ein früher Schatz an Saattüten mit einer großen Vielfalt von Kürbis über Salat, Lauch, Karotten, Kerbel bis hin zu Tomaten. Auf der Rückseite finden wir genaue Anleitungen zum Aussaattermin, Standortempfehlung und Reihenabstand - übrigens in drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Französisch. Einige Tüten haben keine farbigen Abbildungen sondern nur einen Aufdruck, der uns den Ladenbesitzer verrät: "Rob. P. Wehrmann. Kolonialwaren, Sämereien. Elmshorn, Friedrichstraße 21, Fernsprecher Nr. 533".

Der ehemalige Kolonialwarenladen von Robert Wehrmann hat heute die Adresse Klostersande 21. Das Fachhallenhaus von 1764 ist eines der wenigen Häuser Elmshorns, die ein besonderes Kulturdenkmal nach Paragraf 5 des Denkmalschutzgesetzes sind. Bei der Familie Wehrmann bewirtschafteten die Frauen den kleinen Kolonialwarenladen, während die Ehemänner in der wärmeren Jahreszeit als Schiffer auf See unterwegs waren.

Beim "Höker" kaufte ein kleiner Kreis fester Stammkunden. Dadurch bestand ein persönlicher Kontakt zwischen Käufern und Ladeninhabern. Ein lebhaftes Interesse an den privaten Sorgen oder Freuden war selbstverständlich und es gab auch die Zeit, sich darüber auszutauschen. Während die Waren einzeln gewogen und verpackt wurden, entwickelten sich Gespräche zwischen den Kunden und den Kaufleuten. Auf dem Tresen stand eine große Waage mit der die Ware nach Bedarf ausgewogen wurde. Die Schubläden waren gefüllt mit lose hineingeschüttetem Getreide, Zucker, Gries, Nudeln, Linsen, Graupen, Sago, getrockneten Erbsen, Bohnen oder eben auch Saatgut.

Je nach Größe wurden die Saatkörner gewogen, abgezählt oder per Hohlmaß abgefüllt. Ein ähnliches Einkaufsvergnügen bietet heute in Elmshorn fast nur noch der Buttermarkt - hier ist Saat auch noch lose erhältlich und die richtigen Pflanztipps gibt es gratis beim Kauf dazu.

Das Museum möchten übrigens dazu beitragen, dass ein Austausch über altes Gartenwissen stattfindet und die Sortenvielfalt früherer Jahrhunderte wieder in die Gärten kommt, denn die Vermehrung und Züchtung alter Sorten sind ein wichtiger Beitrag zur Pflanzenvielfalt.

Die Frauengeschichtswerkstatt Elmshorn am Industriemuseum plant für die Gartensaison 2014 ein Ausstellungsprojekt rund um den Garten. Dafür werden noch Objekte, Fotografien sowie Unterlagen gesucht. Das Museumsteam freut sich über Hinweise.

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