Viele sozialschwache Familien : Das Elmshorner Bahnhofsviertel verliert den Anschluss

Blick auf das Wohnviertel östlich vom Elmshorner Bahnhof. Laut Kinderschutzbund handelt es sich um ein „schwieriges Quartier“, in dem es an öffentlichen Angeboten wie etwa Kinderspielplätzen oder einem Jugendzentrum fehlt.
Blick auf das Wohnviertel östlich vom Elmshorner Bahnhof. Laut Kinderschutzbund handelt es sich um ein „schwieriges Quartier“, in dem es an öffentlichen Angeboten wie etwa Kinderspielplätzen oder einem Jugendzentrum fehlt.

Der Kinderschutzbund fordert zusätzliche Hilfsangebote – auch in anderen Stadtteilen. Ein Sozialatlas soll die Grundlage für die Planung bilden.

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19. Juli 2018, 12:30 Uhr

Elmshorn | Mehrfamilienhaus reiht sich an Mehrfamilienhaus. Grünflächen oder gar einen Spielplatz sucht man vergebens. Der Wohnbereich östlich des Elmshorner Bahnhofs ist abgekoppelt von der Entwicklung in anderen Teilen der Stadt. Während der Westen des Bahnhofs durch das Sanierungsgebiet Krückau-Vormstegen langsam aufblüht, wird sich im Osten auf absehbare Zeit nichts ändern. Hier leben vor allem sozialschwache Familien. Viele von ihnen mit Migrationshintergrund. Ein echtes Problem. So sieht es der Vorstand des Elmshorner Kinderschutzbundes. Das Büro der Einrichtung liegt in der Jürgenstraße 11, inmitten des Viertels.

Die Vorsitzende Elke-Maria Lutz spricht von einem „schwierigen Quartier“. Den Begriff sozialer Brennpunkt vermeiden sie und ihre Vorstandskollegen Peter Hölzel, Klaus Dauer und Claas Schmidt-Riese im Gespräch mit shz.de bewusst. Von einem zweiten Hainholz könne keine Rede sein. Noch. Die Ehrenamtler machen klar: Es muss sich etwas ändern. „Das Quartier erfährt zu wenig Beachtung durch die Stadt. Wir sind das einzige Jugendhilfeangebot hier. Hier ist sonst nichts, keine Spielplätze, kein Treffpunkt für Jugendliche. Hier muss dringend etwas gemacht werden“, sagt Lutz.

In Hainholz sei in den vergangenen Jahren viel Gutes bewirkt worden. „Jetzt müssen auch die anderen Quartiere in den Fokus der Stadt geraten“, fordert Lutz. Und Hölzel ergänzt: „Wir wollen keine Neiddebatte mit Hainholz. Da gab es ganz andere Voraussetzungen. Aber in Elmshorn gibt es mehrere Quartiere, in denen Angebote benötigt werden.“ Um eine Grundlage für die zukünftige Angebotsplanung zu erhalten, fordert der Kinderschutzbund die Einführung eines Sozialatlas für Elmshorn. „Die Stadt muss wissen, was in den einzelnen Quartieren los ist, wie viele Kinder, wie viele Alleinerziehende, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund dort leben. Nur so kann eine Bedarfsplanung aufgestellt werden“, sagt die Vorsitzende. Insgesamt sei das Angebot an niedrigschwelliger Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt nicht ausreichend. „Wir sind eine der wenigen Stellen, die offene Jugendarbeit machen. Das machen sonst nur die Frischlinge in Hainholz und das Jugendzentrum. Die Stadt benötigt mehr Anlaufstellen. In welcher Form auch immer“, sagt Hölzel. „Den Menschen müssen mehr Möglichkeiten zur Teilhabe an unserer Gesellschaft gegeben werden.“ Er sieht die Stadt in der Pflicht, dafür Räume zur Verfügung zu stellen. „Wir sind dann gern dabei, wenn es darum geht, Angebote zu entwickeln“, sagt Hölzel.

Das Kinderschutzbund-Team: Die Vorsitzende Elke-Maria Lutz mit ihren Stellvertretern Peter Hölzel (Mitte) und Claas Schmidt-Riese.
Jan Schönstedt
Das Kinderschutzbund-Team: Die Vorsitzende Elke-Maria Lutz mit ihren Stellvertretern Peter Hölzel (Mitte) und Claas Schmidt-Riese.
 

Dem Vorstandsteam ist es wichtig zu betonen, dass der Bereich rund um die Panjestraße und Jürgenstraße mit seinen vielfältigen Problemen keine Besonderheit in Elmshorn darstellt. „Da gibt es mehrere Stellen in der Stadt. Hier bekommen wir die Probleme nur hautnah mit, weil wir hier sitzen. Im Bereich Schlurrehm gibt es beispielsweise ähnliche Verhältnisse“, erläutert Lutz. Ihr sei vor dem Umzug des Kinderschutzbundes in den Bahnhofsbereich gar nicht bewusst gewesen, wie vielfältig die Herausforderungen sind. „Ich war überrascht über die Vielzahl der Problem-Familien. Das soll nicht heißen, dass die Familien problematisch sind, sondern es in diesen Familien viele Probleme gibt wie Armut, Migrationshintergrund und Alleinerziehend.“

Das Büro habe sich zu einer wichtigen Anlaufstelle für die Menschen in dem Quartier entwickelt. „Wir nehmen uns jedes Problems an. Wir können zwar nicht immer sofort jede Frage beantworten, aber wir kümmern uns um Hilfe und Beratung, auch für die Eltern. Bei uns wird niemand weggeschickt“, betont die Vorsitzende.

Die Arbeit für die Ehrenamtler wird schwieriger

Etwa 100 Kinder werden in den Räumen in der Jürgenstraße regelmäßig betreut. Die Arbeit für die Ehrenamtler ist über die Jahre insgesamt schwieriger geworden. „Es gibt vermehrt schwierige Kinder. Das beschränkt sich nicht auf Aggressivität. Die Kinder haben weniger Respekt vor Erwachsenen“, berichtet Lutz. Grund dafür sei, dass die Kinder heute in ihren Lebensbereich mehr Probleme als früher hätten. „Das müssen sie irgendwo ausleben. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen haben wir das aber gut im Griff“, sagt die Vorsitzende, die das Amt seit der Gründung des Elmshorner Kinderschutzbundes im Jahr 2006 ausfüllt.

Für die Zukunft wünscht sich der Verein mehr Unterstützung durch die Stadt. „Die räumliche Situation ist schwierig. Wir haben schlicht zu wenig Stellfläche, um alle Kinderwagen unterzustellen“, berichtet Lutz. Aber auch bei der Organisation von Veranstaltungen wünschen sich die Ehrenamtler mehr Entgegenkommen. „Wir würden die Spielstraßen-Aktion gern ausweiten. Schön wäre es, wenn uns die Stadt dabei mit mehr Begeisterung unterstützt und das Thema nicht wieder monatelang vor sich herschiebt“, ergänzt Hölzel.

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