zur Navigation springen

Serie: Gedenken nach 70 Jahren : Bomber im Sturzflug über Langelohe

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Zwei Elmshorner erinnern sich an die Schrecken ihrer Kindheit. Ansprachen auch bei der Feierstunde am neuen Gedenkstein.

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2015 | 16:05 Uhr

Elmshorn | Vor 70 Jahren mussten die Elmshorner einen letzten grausamen Höhepunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Zweiten Weltkriegs erleben: Am 26. April 1945 forderte ein Bombenangriff mindestens 92 Opfer. Christa Kröger erlebte den Schrecken als Sechsjährige, Gerd Meyer als 13-Jähriger. Sie erinnern sich.

Christa Kröger war sechs Jahre alt als die Bomben fielen. Doch trotz der vielen Jahre, die inzwischen ins Land gegangen sind, erinnert sie sich noch recht gut: „Ich spielte mit anderen Kindern auf dem Hof der Langeloher Schule und hatte – wie damals üblich -– die Ansage mitbekommen, bei Voralarm sofort nach Hause zu kommen. Das war ja auch nicht weit, nur kurz über die Straße."

Christa wohnte damals mit Mutter und Schwester bei den Großeltern Dora und Julius Kröger, die Wirtsleute vom „Langeloher Hof“. Der Vater war noch im Krieg. Mit im Haus lebte auch ihre Tante Herta Mohr, damals 31 Jahre alt.

Doch von wegen Voralarm. Den gab es kurz vor Kriegsende nicht mehr. Voralarm war sozusagen immer. Ein Dauerzustand. Und so kamen die Bomben ohne Vorwarnung. „Ich muss über die Straße geflogen sein“, sagt Christa Kröger heute. Sie blutete stark, Bombensplitter. Eine Wunde am Kopf, ein glatter Durchschuss am rechten Unterschenkel, das linke Bein unten aufgerissen.

Ein Handwerker sei aus einem Zelt gekommen und habe sie an die Mauer von Hatjes Schmiede gesetzt, die gegenüber vom Langeloher Hof stand, sagt sie. Dort habe sie auch verletzte Pferde gesehen. Als der Angriff vorbei war, sei der Handwerker wiedergekommen und habe sie über die Straße zu ihrer Tante Herta getragen. Die hielt ein herannahendes Tempo-Dreirad an, das die Kleine zum Krankenhaus fuhr, das damals noch an der Amandastraße lag.

Ein Unglück kommt selten allein

Doch weil ein Unglück selten allein kommt: An der Ecke Esmarchstraße/Friedensallee blieb der Lieferwagen mit einem Plattfuß liegen: „Der Fahrer hat mich dann die 200 Meter zum Krankenhaus getragen.“ Sie wurde versorgt, zum Glück waren die Verletzungen nicht lebensbedrohlich. Wieder zu Hause übernahm Hausarzt Dr. Thormählen die kleine Patientin, eine große Narbe ist geblieben. Und ein zerrissenes geblümtes Sommerkleidchen. „Komisch“, sagt sie, „daran erinnere ich mich besonders. Es war mein Lieblingskleid.“

Und an noch etwas wurde sie kürzlich erinnert, als der Arzt anhand eines Röntgenbildes einen älteren Dreifach-Bruch des rechten Oberschenkels feststellte, und er auf einen schweren Unfall tippte. „Nee,“ habe sie da geantwortet, „das muss die Bombe gewesen sein.“

Bereits vor zehn Jahren berichtete Herta Mohr, die Tante von Christa Mohr, dem EN-Redakteur Carsten Petersen von den Ereignissen am 26. April 1945 auf Langelohe. „Tante Herta“, wie die langjährige Wirtin des „Langeloher Hofes“ in Elmshorn genannt wurde, war bei dem Bombenangriff 31 Jahre alt und starb 2011. Ihre Erzählungen als 91-Jährige bestätigen, was jetzt ihre Nichte berichtet. „Tante Herta, Tante Herta, meine Beine!“, habe die Kleine gerufen, als der Handwerker sie gebracht habe. Herta Mohr berichtete auch von einer polnischen Zwangsarbeiterin im Haus, die durch Bombensplitter so schwere Wunden erlitt, dass sie verblutete. Einer weiteren polnischen Zwangsarbeiterin wurde ein Arm abgerisssen, doch sie überlebte. Im Saal des „Langeloher Hofes“ war ein Lager für etwa 100 polnische Zwangsarbeiter eingerichtet. Von den Gefangenen sei, so Mohr, auch noch ein weiterer Mann beim Angriff ums Leben gekommen.

Die Flugzeuge kamen von Westen

Gerd Meyer war 13 Jahre alt und wusste Bescheid als die drei Flugzeuge von Westen herannahten: „Das waren amerikanische Lightning-Jagdbomber, die mit dem Doppelrumpf. Die hielten im Sturzflug genau auf die Kreuzung Langelohe/Köllner Chaussee zu.“

Meyer, der an der Köllner Chaussee 71 wohnte, hatte an diesem schönen Donnerstag gegen sechs Uhr abends mit anderen Jungs hinter dem Haus gespielt, als das Unheil seinen Lauf nahm: „Wir sind sofort in einen Graben – das kannten wir schon – und dann krachte es gewaltig. Nach dem Abwurf zogen die wieder hoch und sind weg, kamen auch nicht ein zweites Mal.“ Bordkanonen habe er keine gehört.

Sie seien dann mit anderen zur Abwurfstelle gelaufen, wo jeder versucht habe „zu helfen, so gut es eben ging“. Gerd Meyer ist vor allem in Erinnerung, wie er als erstes am Haus des Tischlers Karl Bogen stand. Offenbar dessen Frau rief immer wieder verzweifelt „mein Mann, mein Mann!“. Meyer habe den Tischler dann gefunden und aus den Trümmern gezogen: „Seine Taschenuhr hing an seiner Weste, die habe ich ihm abgenommen und seiner Frau gegeben.“ Das Haus auf der anderen Straßenseite – es gehörte dem NSDAP-Ortsgruppenleiter Krüdener – war zerstört: „Krüdener selbst stand in den Trümmern und suchte seine Frau.“ Chaos überall.

Einem Jungen fehlte das halbe Bein

Meyer erinnert sich weiter: „Weiter zur Kreuzung standen drei Kinder – zwei Mädchen, ein Junge, etwa drei bis sechs Jahre alt – suchten ihre Mutter. Die Familie war gerade erst aus Ostpreußen geflüchtet und hatte jetzt die Mutter verloren. Wir haben sie dann mit nach Hause genommen und später ins Kinderheim Elbmarsch am Sandberg gebracht.“

Er habe auch einen Jungen stehen sehen, bei dem sei das halbe Bein weg gewesen: „Der begriff offenbar gar nicht, was mit ihm los war. Er wurde mit einem Blockwagen ins Krankenhaus gefahren."

Meyer glaubt wie fast alle anderen Zeitzeugen auch, dass der Angriff deutschen Soldaten gegolten hatte, die zahlreich mit Lkw und Gerät in Richtung Bullenkuhlen unterwegs waren: Die seien, so Meyer, praktisch auf der Flucht gewesen und hätten die Sachen in den Wäldern um Barmstedt verstecken wollen.

Der 83-jährige Gerd Meyer ist vielen Elmshornern als „Waffen-Meyer“ mit seinem Geschäft in der Holstenstraße bekannt. Er hatte bisher mit niemanden über seine Erlebnisse vom 26. April 1945 gesprochen. Erst die Absicht, auf der Kreuzung Langelohe/Köllner Chaussee einen Gedenkstein aufzustellen, beendete sein Schweigen. Der Elmshorner wird auch – genauso wie Christa Kröger – bei der Feierstunde am Gedenkstein am Sonntag, 26. April, um 11 Uhr, als Zeitzeuge sprechen.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen