Von Syrien nach Deutschland : Bilder einer Flucht - Dokumentarfilm im Mühlencafé

Ahmad Alzoubi zeigte einen Film mit Bildern, die er während seiner Flucht gemacht hat.
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Ahmad Alzoubi zeigte einen Film mit Bildern, die er während seiner Flucht gemacht hat.

Ahmad Alzoubi zeigte im Mühlencafé einen Film über seinen Weg von Syrien nach Deutschland. Das Video hat er mit dem Handy gemacht.

shz.de von
09. Februar 2018, 16:30 Uhr

Elmshorn | „Wir hatten alles, wir wollten nicht weg“, sagte Ahmad Alzoubi. Warum er, sein Bruder und seine Eltern trotzdem aus ihrer Heimat bei Damaskus geflohen sind und im November 2015 nach Deutschland kamen, das zeigte der 21-Jährige am Mittwochabend mit einem Film. Schießende Panzer hat er mit seinem Handy gefilmt, brennende Häuser, den Blick aus einem Zimmer durch ein Loch im Dach auf blauen Himmel: Der syrische Bürgerkrieg vertrieb die Familie.

„Wie andere Jugendliche, geben wir unsere Hoffnung auf eine gute Zukunft nicht auf“, heißt es im Film zu Bildern, die junge Männer bei der Arbeit auf dem Landgut der Familie zeigen. Alzoubi studierte Ingenieurswissenschaften. Aber die Normalität geriet immer mehr ins Wanken: Während einer Mathestunde wurde die Gegend von Panzern angegriffen, Kampfhubschrauber ließen Bomben fallen. „Schweren Herzens“ entschloss sich die Familie, ihre Heimat zu verlassen.

Legal geht das nur mit einem Visum, das so gut wie nicht zu bekommen ist. Aber: „In Syrien gibt es Büros für Schmuggler“, berichtet Alzoubi am Rande der Veranstaltung. Man bezahle Geld und bekomme einen Termin für den Transfer in die Türkei. 2 200 Dollar pro Person haben die Alzoubis ausgegeben, ihr Auto verkauft und Geld gesammelt, um innerhalb von sechs Wochen aus Damaskus nach Deutschland zu kommen. „Man kann diesen Leuten nicht vertrauen, aber man muss“, urteilt Alzoubi über die Schlepper.

14 Tage in einem Gefängnis des IS

Noch in Syrien landete die Familie für 14 Tage in einem Gefängnis des IS. An der türkischen Grenze wurden Alzoubis Eltern für zwei Tage festgenommen, das Schlauchboot zur griechischen Insel Samos war mit 40 Personen heillos überladen und erlitt einen Motorschaden. Mit Zug, Bus und zu Fuß schlugen sich die Flüchtlinge nach Deutschland durch.

Die Bilder von Menschen auf offenen Lkw-Ladeflächen, in Kolonne irgendwo in Europa zu Fuß unterwegs und vom kaputten Schlauchboot sind immer wieder durchsetzt von Selfies Alzoubis.

Filmen und Fotografieren sind seine Hobbys, er wollte auf der Flucht Bilder als Souvenirs sammeln. Die Idee, die Bilder zusammenzuschneiden, nachzuvertonen und mit Untertiteln zu versehen, kam erst nach einem Jahr in Deutschland.

Der Applaus setzt nach dem Film nur zögerlich ein. Die Bilder von toten Kindern und dichten Qualmwolken über Wohnhäusern behindern den Beifall. Alzoubi beantwortet noch Fragen der rund 90 Besucher im Mühlencafé. Wie er sich eine Lösung in Syrien vorstelle, wie die Deutschen den Flüchtlingen helfen könnten. „Das eigentliche Problem ist die Sprache, dabei können uns die Deutschen leider nicht helfen“, antwortet Alzoubi. „Es ist wichtig, dass die Deutschen unsere Geschichte kennen und sie weiter erzählen“, sagt Alzoubi; dafür ist der Bremer mit seinem Film in ganz Norddeutschland unterwegs.

In absehbarer Zeit sieht Alzoubi keine Perspektive, nach Syrien zurückzukehren: „Ich würde auf jeden Fall verhaftet“. Was im Gefängnis passiere, wisse niemand, aber dort seien viele Menschen umgekommen. Mit dieser Perspektive lebten 95 Prozent der geflohenen Syrer in Deutschland, erklärt Alzoubi. Aber er sagt auch: „Unser Traum zurückzukehren, wird mit Gottes Hilfe wahr werden.“

Alzoubi zeigt seinen Film schon zum zweiten Mal in Elmshorn. Nach der ersten Vorführung bei der interkulturellen Woche im September liefen bei Volker Laedtke vom Willkommensteam so viele Anfragen ein, dass er den jungen Syrer nochmals herholte. Der Erfolg passt in die Pläne beim Willkommensteam, das Café intensiver zu nutzen: „Wir wollen abends noch mehr machen“, kündigte Laedtke an.
 

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