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Elmshorner Nachrichten

23. Oktober 2017 | 12:53 Uhr

Bewegende Musik der Extraklasse

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Johannes-Passion Die Kantorei St. Nikolai und das Barockorchester präsentierten Bachs Oratorium unter Leitung von Kristian Schneider

Die Johannes-Passion gehört zu den bekanntesten Werken Bachs. Und auch wenn ihre Entstehungszeit, der Barock, als pompös, verziert und fulminant gilt, präsentiert sich die Johannes-Passion als tief greifendes, Schauder erweckendes und andächtiges Werk. Erzählt wird die Leidensgeschichte Jesus nach dem Johannes-Evangelium, versetzt mit Zitaten aus Markus und Matthäus.

Zu Bachs Zeiten wurde die bekannte Passion im Gottesdienst in der Nikolai-Kirche Leipzig am Karfreitag aufgeführt. Am vergangenen Sonntag wurde das circa zwei Stunden dauernde Werk zwar nicht im Gottesdienst, dennoch in der heutzutage bekannten konzertanten Form in der namensgleichen St. Nikolai-Kirche von der Kantorei St. Nikolai und dem Barockorchester Hamburg unter der Leitung von Kristian Schneider präsentiert.

Andächtig, groß und bestechend eröffnet der Chor die Passion mit dem Choral „Herr, unser Herrscher“ und zeigt bereits am Anfang mit emotionaler Stärke, dass die Kantorei St. Nikolai der Herausforderung, gesanglich als auch inhaltlich, allemal gewachsen ist. Ausgewogen und ausdrucksstark, mit herausstechend starken Männerstimmen, besingt der Chor den Gottessohn. Ein wahrlich gelungener Einstieg, es ist andächtig still in der prall gefüllten Kirche – es scheint als würden sich Musik und Worte auf alle Anwesenden übertragen: „Zeig uns durch deine Passion“, singt der Chor - erwartungsvoll möchte man den Fortgang der Erzählung erfahren, die durch den Evangelisten eingeleitet wird.

Umso gespannter ist man auf den Tenor, der diese gesangliche Herausforderung, die zum einen in der Länge des Werkes, aber auch dem Wechsel zwischen erzählerischen Rezitativen und betrachtenden Perspektiven in den Arien besteht, meistern muss. Keunyhung Lee wählt eine besonders knabenhafte Art, die Christus Leid erzählen soll. Sicherlich keine verkehrte Herangehensweise, dennoch scheinen die pikanten Akzente in den Rezitativen manchmal unpassend gesetzt und die Arien sind zwar technisch einwandfrei gesungen, dennoch fehlt ihnen der Tiefgang, den diese Passionsmusik fordert und fordern muss.

Andreas Pruys, der die Bass-Arien übernimmt, schafft es hingegen, genau diesen Tiefgang, diesen Schauder, in das Kirchenschiff zu bringen. Mit einer Wärme und Kraft in der Stimme, wie sie selten zu hören ist, übertragt er die innere Perspektive des lyrischen Ichs auf das Publikum, rührend und bestechend. Gerade im Wechsel mit dem Chor mag es einen fast zu Tränen rühren. Wunderschön, wie sich diese bedeutungsschwangeren Worte mit Musik füllen.

Es sind gerade die Bässe, die an diesem Abend, in dieser Passion, der Leidensgeschichte die Ernsthaftigkeit und das Bestechende einhauchen. Hartmut Deutsch in der Rolle des Pilatus und Christfried Biebrach als Jesus Christus gehen in ihren gesanglichen Pendants auf, kräftig und sanft, vor allem Pilatus verleiht seinen gesanglichen Passagen den Nachdruck, die Aussagekraft – Textausdeutung par excellence.

Wenig überzeugen konnte hingegen der Altus Daniel Lager. In der Arie „Von den Stricken meiner Sünden“ zittert und kiekst sich seine Stimme durch die Koloraturen, schlecht verständlich. Erstaunlicherweise präsentiert sich diese zittrige Stimme in seiner zweiten Arie, dem Wendepunkt der Passion als ausdrucksstärkstes Mittel, „Es ist vollbracht“: die Instrumente leiden, der Altus leidet – schaudernd zittrig, selten so gehört, aber das ist richtig gut! Das Leid ist allgegenwärtig. Schade nur, dass Daniel Lager dem Ende der Arie hin, dem gut und differenziert spielenden Barockorchester Hamburg in seinen Koloraturen davonläuft. Die beeindruckende Arie hätte einen schöneren Abschluss verdient.

Sopranistin Dorothee Fries versteht das Zusammenspiel mit dem Orchester da wesentlich besser und überzeugt mit lieblichem Gesang, mit passender Mimik. Trotz einiger Schwächen der Solisten schafft es Kristian Schneider vor allem mit Orchester und Kantorei den dramatischen Spannungsbogen der Passion immer weiter zu steigern, tief hinein in die biblischen Worte, in die herrliche Musik Johann Sebastian Bachs, bis der letzte chorische Akkord erklingt: „Jesu Christ erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich!“

Das Ewiglich scheint ewig nachzuschwingen, denn anstatt des Applauses wurde das Publikum gebeten sich zum Glockenläuten, das das Konzert beschließt, zu erheben. Diese Passion, eindrücklich und stark, schwingt noch sehr lange nach.


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