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Landtagswahl 2017 : Besuch im „Land“ der Nichtwähler

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In Elmshorn-Hainholz geht kaum noch jemand zur Wahl, denn der Frust vor Ort ist groß.

Elmshorn | Mehr Gerechtigkeit für alle: Das Wahlplakat der SPD steht auch drei Tage nach der Landtagswahl noch im Eichenkamp. Ein bisschen verloren in der Straßenschlucht zwischen den Wohnblöcken. Im Elmshorner Stadtteil Hainholz – ein sozialer Brennpunkt – ist der Kampf um die Wählerstimmen verpufft. Es gibt kaum noch Wähler. Im Wahlbüro KGSE 1 haben am Wahltag nur 312 Bürger ihre Kreuze gemacht – von 1297 Wahlberechtigten. In Teilen des Hainholzer Damms, im Rethfelder Ring, im Eichenkamp, im Sperber-, Habicht- und Falkenweg leben die Wahl-Verweigerer.

Die Wahlbeteiligung lag in Elmshorn am 7. Mai bei 58 Prozent – im Bereich des Wahlbüros 1 bei 24 Prozent. Der mit Abstand schlechteste Wert in der Stadt. Und genau hier erzielte die AfD mit 12,9Prozent ihr bestes Ergebnis in Elmshorn. Zahlen. Wir suchen Antworten. Ein Besuch im „Land“ der Nichtwähler.

Kristina Mikalauskiene-Kock steht am Mittwochmorgen an der Bushaltestelle am Rethfelder Ring. „Ich gehe nicht zur Wahl. Nie. Das bringt mir nicht mehr Geld. Das bringt gar nix.“ Sie zieht an ihrer Zigarette. Seit 2012 lebt die 44-Jährige in einem der Wohnblocks am Hainholzer Damm. Mit den „Asylanten“ sei es schwer, erzählt sie. Sie schimpft über die häufigen Ruhestörungen und ihren Nachbarn von oben, „der seinen Teppich mit all dem Dreck einfach über den Balkon hängt“. Wenn es ihr mal wieder reicht, greift sie zum Telefonhörer und ruft die Polizei.

Schmelztiegel der Kulturen

„Die Polizei ist hier oft“, sagt Linda Findorff. Die 36-Jährige hat sich ganz bewusst dafür entschieden, nicht zu wählen. „Politiker sind alle gleich schlimm.“ In ihrer Stimme schwingt ein Stück Verachtung und viel Wut mit. „Hier muss man die Deutschen regelrecht suchen“, sagt sie. Gefühlt liege der Ausländeranteil inzwischen bei 85 bis 95 Prozent. Seit einem Jahr lebt sie im Rethfelder Ring, sieht die Gruppen an Farbigen, an Muslimen. „Die bleiben lieber unter sich.“

Menschen aus Afrika, Asien und halb Europa: Hainholz ist ein Schmelztiegel der Kulturen.  Betonklotz reiht sich an Betonklotz, getrennt durch die Rasenflächen auf den Innenhöfen. Vera Wagner erinnert sich noch gut an die ganz schlimmen Zeiten, als das Quartier als Horror-Viertel bundesweit Schlagzeilen machte, unter dem Horror-Vermieter Gerd Thormählen litt, der viele seiner Häuser gnadenlos verwahrlosen ließ. „Früher habe ich mich geschämt, wenn ich Besuch bekommen habe“, sagt die 54-Jährige.

Sie lebt seit 1988 in einer Mietswohnung im Rethfelder Ring, konnte aus ihrem Fenster sehen, wie sich der Stadtteil zwischen 2001 und 2012 veränderte – und zwar zum Positiven. Das Quartier wurde damals ins Förderprogramm Soziale Stadt aufgenommen. Viel Geld floss nach Hainholz, vor allem um die Wohnqualität, das Wohnumfeld zu verbessern. Die Häuser mit ihren fast 800 Wohnungen, gebaut in den 1960er Jahren, wurden saniert und aufgehübscht, ein Nahversorgungszentrum mit Edeka und Aldi geschaffen.

Allein die Stadt Elmshorn investierte über eine Million Euro in den Ausbau des Hauses der Begegnung (HdB). In dem verwinkelten HdB-Gebäude sitzt Hausmanager Marcus Villaret an seinem Schreibtisch vor dem Laptop – und damit mittendrin im Kiez. Trainingsjacke, Basecap: So kennen die Bewohner den 46-Jährigen im Quartier. „Ohne uns geht nichts“, sagt Villaret. Er kennt die Menschen, ihre Sorgen und Nöte. „In Hainholz ist Armut nicht ein abstrakter Begriff. Hier ist Armut erlebbar und erfahrbar. Da sind 20 Euro mehr oder weniger für  einige Menschen viel  Geld.“

Politiker, Wahlprogramme, Wahlversprechen: Das alles kommt kaum an in Hainholz: „Für viele Bewohner ist es egal, wer in Kiel regiert“, hat Villaret in den Wochen vor der Landtagswahl immer wieder zu hören bekommen. Zudem habe sich der Eindruck verfestigt, dass sich einige Politiker nur in den Stadtteil verirren, wenn sie Stimmen brauchen, wenn die Wahl ansteht, wenn es um sie geht.

Es ist schwierig Menschen zu erreichen

Beate Raudies ist Politikerin, hat für die SPD das Direktmandat gewonnen. „Die Wahlbeteiligung war in Hainholz diesmal höher als bei der Kommunalwahl“, betont sie. Das freut sie. Die Abgeordnete kennt das Quartier gut, weiß wie schwierig es ist, die Menschen zu erreichen, für Politik zu interessieren. „Das ist Kärrnerarbeit. Wir suchen nach neuen Wegen, müssen etwas Neues ausprobieren.“ Ihr Parteifreund Ernst Dieter Rossmann hat zuletzt zum Gespräch in den Imbiss gebeten. Raudies verteilt im Wahlkampf Karten mit QR-Codes, die auf ihre Internet- und Facebookseite verweisen. Bei ihren Hausbesuchen in den Hainholz-Hochhäusern stellt die 50-Jährige fest, dass die Sprache oft immer noch eine Barriere ist. „Trotz eines deutschen Passes.“ Der Raudies-Weg durchs „Land“ der Nichtwähler. Nicht aufgeben, aber sich eingestehen, dass Politik einen Teil der Menschen wohl nicht mehr erreichen wird.

Der zweite HdB-Hausmanager Rainer Jungnickel hat die Veranstaltung „Jugendliche fragen, Politiker antworten“ organisiert. 25 Heranwachsende nutzen diese Gelegenheit – immerhin. Auch Ahmed Atwa war mit seiner Mutter dort, hat sich informiert, verstanden, worum es überhaupt geht. „Ich hatte vorher keine Ahnung von Parteien und der Wahl.“ Ohne diese Veranstaltung wäre er nicht zur Wahl gegangen, sagt der 18-Jährige.  

Ein kleiner Lichtblick für all die Sozialarbeiter und ehrenamtlichen Helfer, die sich seit Jahren im Viertel engagieren. „Ich lebe sehr gern in Hainholz. Mir gefällt es hier“, betont Michael Gast, Vorsitzender des Stadtteilvereins Elmshorn-Hainholz, der 2004 gegründet wurde, und sich für bessere Lebensbedingungen im Quartier einsetzt. Mit Erfolg. Stadtteilfest. Stadtteilzeitung. Stadtteilfonds. Die Richtung stimmt.

Politik erreicht junge Menschen nicht

Und die geringe Wahlbeteiligung? „Politik spricht junge Menschen oft nicht mehr an“, sagt Gast. Er glaubt nicht, dass es in Hainholz mehr Menschen mit rechter Gesinnung gibt, die AfD wählen, als woanders in der Stadt. „Der Kontrast in unserem Stadtteil ist nur größer.“

Gleich hinter den Hochhausklötzen stehen hübsche Einfamilienhäuser. Eine andere Welt. Dort beginnt das „Land“ der Wähler. Im KGSE Wahlbüro III lag die Wahlbeteiligung bei 52 Prozent.

Wer durch Hainholz streift, vorbei an den bunten Häuserfassaden, der stößt nur selten auf offene Ausländerfeindlichkeit. Aber in den Zwischentönen schwingt es mit, dieses Zuviel an Multi-Kulti, das gegenseitige Beäugen, das Hochkommen der Vorurteile. „Wir müssen aufpassen, dass es nicht wieder so schlimm wird wie früher“, warnt Wagner und benennt gleich die Nummern der Häuser, in denen die Eingänge total verdreckt sind. 4, 10 und 12.

Gerechtigkeit für alle: Sozialsprechstunde hat Villaret im Prinzip rund um die Uhr. Die Leute kommen einfach. „Viele Anwohner fühlen sich mit ihren finanziellen Nöten nicht mehr wahrgenommen. Sie glauben, dass jetzt die Flüchtlinge alles bekommen.“ Sozialneid unter den Schwächsten der Gesellschaft – für Villaret eine gefährliche Entwicklung.

Im September ist Bundestagswahl. „Wahlen ändern nichts“, sagt Siegfried Denk. Der 66-Jährige wird nicht hingehen – aus Überzeugung.

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erstellt am 15.Mai.2017 | 13:39 Uhr

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